AK-Dinkhauser: Bartenstein hat "wenig Ahnung" von Realität

5. Juli 2004, 15:40
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In der Industrie bereits Möglichkeiten zur Arbeitszeitflexibilisierung - Rotschädl: "Lohnkürzung durch die Hintertür"

Innsbruck - Heftige Kritik an Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) hat am Montag Tirols Arbeiterkammer-Präsident Fritz Dinkhauser (V) geübt. Der Minister habe "wenig Ahnung von der Arbeitsrealität in den Betrieben". "Gerade in der Industrie gibt es jetzt schon großzügige Möglichkeiten der Arbeitszeitflexibilisierung. Ich bin erschüttert, mit welcher Selbstverständlichkeit der Minister unreflektiert Uraltforderungen der Industrielobby aufnimmt", meinte der AK-Chef.

Lohnkürzung durch die Hintertür

In dieselbe Kerbe schlägt auch der steirische Arbeiterkammer-Präsident Walter Rotschädl (S). Arbeitsminister Bartenstein habe sich mit seiner jüngsten Aussage "disqualifiziert". Wenn der Minister eine Flexibilisierung der Arbeitszeit fordere, verschweigt er offenbar bewusst, dass es in zahlreichen Kollektivverträgen - gerade in der Industrie - bereits jetzt großzügige Flexibilisierungsmöglichkeiten gebe, die zum Teil gar nicht ausgenützt werden. In Wirklichkeit gehe es um den plumpen Versuch, eine Arbeitszeitverlängerung schön zu reden. Eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich bzw. der Entfall von Überstundenzuschlägen sei nichts anderes als eine Lohnkürzung durch die Hintertür.

"Wir müssen nicht billiger, sondern wir müssen besser werden. Dazu brauchen wir einen Wettbewerb der Innovationen und der Ideen. Zu dieser Zusammenarbeit lade ich die Herren von Industrie und Wirtschaft herzlich ein", erklärte Dinkhauser.

Wert der Familie?

Es sei "zutiefst deprimierend", wenn gerade jene, die permanent vom Wert der Familie für die Gesellschaft und die Wirtschaft reden, eine noch stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeiten verlangen würden. Dadurch werde das Familienleben noch mehr fremd bestimmt. Die Hauptleidtragenden seien die berufstätigen Frauen, die jetzt schon den Spagat zwischen Beruf und Familie kaum noch schaffen würden. Der Minister solle sich doch die Arbeitsrealitäten anschauen, etwa die der Angestellten im Handel vor und nach Geschäftsschluss.

Wenn Wirtschaft und Industrie nicht mehr weiter wüssten, sei das einzige fantasielose Rezept, den Beschäftigten weniger zu zahlen und sie länger arbeiten zu lassen. Die Menschen sind am Ende ihrer Leidens- und Leistungsfähigkeit angelangt. Die Beschäftigten leisteten seit Jahren Mehrarbeit, freiwillige und meist unbezahlte. Voll abgegoltene Überstunden seien eher die Ausnahme als die Regel. Und die meisten Arbeitnehmer beschäftigten sich auch in ihrer Freizeit mit ihrer Arbeit. (APA)

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    Der Tiroler AK-Präsident Fritz Dinkhauser zeigt sich wieder einmal kämpferisch und stellt sich gegen Wirtschaftsminister und Parteikollegen Martin Bartenstein.

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