Schamlos im Irak

von Redaktion  |  07. Juli 2004, 17:39

Der Wiederaufbau wird nicht als Abkehr von der Invasionspolitik, sondern als deren Fortsetzung mit anderen Mitteln betrachtet - Kolumne von Naomi Klein

Gute Neuigkeiten aus Bagdad: Das Managementbüro der der provisorischen US-Zivilverwaltung (PMO), das den mit 18,4 Mrd. Dollar dotierten Wiederaufbaufonds verwaltet, hat endliche eine Abmachung bekannt gegeben, die es einhalten kann: Sicher, die Stromversorgung ist unter Vorkriegsniveau, die Straßen ersticken im Müll und die Mehrheit der Iraker ist arbeitslos. Dafür hat PMO nun mit der britischen Söldner-Vermietungsfirma Aegis einen Vertrag abgeschlossen, um seine Angestellten gegen "Mord, Entführung, Insultierung" und - man höre und staune - "Bloßstellung" zu schützen.

Ich weiß nicht, ob es Aegis gelingen wird, PMO-Angestellte vor Gewaltattacken zu bewahren, aber "Bloßstellung"? Ich würde sagen: Mission bereits erfüllt. In Verlegenheit bringen kann man nämlich nur Menschen mit Schamgefühl. Und die Leute, die für den Wiederaufbau des Irak verantwortlich sind, kennen keine Scham.

Geld abgezweigt

In diesen Tagen vor der Auslieferung am 30. Juni (ich schaffe es nicht, das als "Übergabe" zu bezeichnen) haben die US-Besatzer keine Gelegenheit ausgelassen, Geld, das zur Unterstützung der Kriegsgeschädigten bestimmt war, für sich selbst abzuzweigen: Das State Department hat z.B. 184 Millionen Dollar, die für Trinkwasserprojekte bestimmt waren, für die pompöse Renovierung der US-Botschaft in Saddams ehemaligem Plast umgewidmet.

Wenn Bremer und seine Leute tatsächlich ein Schamgefühl hätten, müsste es ihnen auch peinlich sein, dass sie von den 18,4 Milliarden bisher nur 3,2 ausgegeben haben und daher mit dem Wiederaufbau auch so deutlich im Rückstand sind. Erst sagte Bremer, das Geld würde freigegeben, sobald der Irak wieder souverän ist, aber offenbar hatte dann jemand eine bessere Idee: Verteile die Auszahlung über fünf Jahresraten, damit Botschafter Negroponte die Summe als Kredit einsetzen kann. Mit 15 Mrd. Schulden auf dem Buckel werden sich die Iraker dann wohl schwer tun, sich den US-Wünschen nach Militärbasen und ökonomischen "Reformen" zu widersetzen.

Wiederaufbau als einziger Schwindel

Aber es geht nicht nur um Finanzskandale - der ganze Wiederaufbau entpuppt sich immer mehr als einziger Schwindel: Von Anfang an haben es die Architekten dieses Projekts abgelehnt, nach einem New-Deal-artigen Konzept der öffentlichen Auftragsvergabe vorzugehen. Stattdessen betrachtet man die Sache als eine Art Freispiel für Privatisierungsideologen. Zielvorstellung: multinationalen Firmen - v.a. aus den USA - die Möglichkeit zu bieten, den Irak zu überschwemmen und mit ihrer Geschwindigkeit und Effizienz die Iraker zu überrumpeln. Die sind aber mit noch ganz anderen Dingen konfrontiert: Dringend benötigte Arbeitsplätze gehen an Amis und Europäer.

Die Straßen sind mit Trucks überfüllt, die Produktionsmittel aus dem Ausland herbeikarren, während irakische Fabriken nicht einmal mit Notstromgeneratoren ausgestattet wurden. Der Wiederaufbau wird nicht als Abkehr von der Invasionspolitik, sondern als deren Fortsetzung mit anderen Mitteln betrachtet. Daher ist er auch zu einem Ziel des Widerstands geworden.

Die Besatzer haben darauf reagiert, indem sie sich noch mehr als bisher als Invasoren gerieren: Nach jüngsten Schätzungen werden 25 Prozent der gesamten Aufwendungen für den Wiederaufbau von Sicherheitskosten aufgefressen - Geld, das beim Bau von Spitälern und Wasserleitungen dann natürlich fehlt.

Ist das "bloßstellend"? Nicht im Mindesten: Das ist das, was die Besatzer unter "Souveränität" verstehen. Die Herren von Aegis können sich also, was diesen Punkt betrifft, entspannen. (DER STANDARD, Printausgabe 28.6.2004)

Zur Person

Naomi Klein, Bestsellerautorin ("No Logo") und eine der gefragtesten Kolumnistinnen der USA, schreibt an dieser Stelle jeden 2. Montag, alternierend mit Barbara Coudenhove-Kalergi;
Übersetzung: Mischa Jäger

druckenweitersagen:
posten
»Posting 1 bis 25 von 44
1 2
Donald Bernd
28.06.2004 17:11
das was

Das was alle Kriegsgegner eh schon gewusst haben nun nochmal für die Kriegsbefürworter die immer noch das Märchen von der 'Befreiung' glauben .

christian kamenik
28.06.2004 16:52
Bravo!

Gratulation zu diesem Artikel, der kurz und bündig genau ins Schwarze trifft!

Bottom Gun
28.06.2004 15:27
Ekelerregend,

wie hier Aufbauhilfe diffamiert wird!

der stowasser
28.06.2004 16:01

ekelerregend wie blauäugig sie sind!!!

aufbauhilfe ??? tztzzz...

Atta Troll 
28.06.2004 14:58
Der "guten" Frau Klein ist mit solch einem Kommentar der Beifall der Herren Maier & Co. sicher, mehr allerdings auch nicht, denn er ist, mit Verlaub, ganz schrecklich simplifizierend auf O-Ton gehalten.

Propaganda ist eine Sache, Wahrheit und Fakten eine andere. Frau Klein als eine der Wortführererinnen der Antiglobalisierungsbewegung unterscheidet sich, in diesem Kommentar, kaum von ihrem Widerpart im Weissen Haus. Leider, muss man sagen. Unterdessen explodieren zwei Autobomben in der Nähe einer Moschee. 32 irakische Zivilisten sind ermordet. In Afghanistan wurden 16 Menschen getötet, die sich in Wahlregister eintragen liessen. Die Göttin im Kampf um den Planeten verfolgt "ihre" Mission genauso einäugig wie die Seite, die sie kritisiert...

plau graut 
29.06.2004 19:32
bravo! - welch bestechende Analyse!

- wer in seinem Text "Wahrheit und Fakten" sagt, ist augenblicklich in deren Besitz!
Bitte nix weitersagen, denn dieser bewundernswerte >>>hokus-pokus<<< soll weiterhin
geheim bleiben. (sonst könnt`s ja jeder tun.......)

manfred maier 
28.06.2004 18:43
gar nicht so einseitig

...wenn man bednkt, das (nach "la repubblica) jedes "souveräne ministerium" einen us berater mit 5 jahre vertrag beherbergt.
bremer hat mit seinen letzten federstrichen dafür gesorgt, dass nichts, aber auch gar nichts geschieht oder "entschieden" wird, was nicht im interesse der besatzer ist.
saddams palast für 180.000 mio. dollar aus der sogenannten aufbauhilfe renoviert, dollarrecycling indem die us steuergelder zum grossen teil in den taschen von us multis, von der söldnerfirma über halliburton und co. verschwinden.
bezahlen sollen dies die "armen iraker". die faschistoiden ideologen nennen dies "volle souveränität", ihre schamlosen anhänger "freie, offene zivilgesellschaft".
dauert nicht mehr lange, bis zum irak koma!!

busch busch
28.06.2004 16:44

allerwertester atta troll,

nicht zu vergessen die tausenden kriegsopfer und zehntausenden verhungerten kinder, aber bloss nichts kritisieren, was vielleicht die eigene weltanschauung ein bisschen irritiert. schön dass es immer noch leute wie Sie gibt die angriffskriege und imperialistische raubzüge legitimieren wollen.

der gerüchterstatter 
28.06.2004 16:39

naja, mit den berichten von 2 einäugigen bekommt man dafür ein recht komplettes bild - und das andere auge ist halt doch sehr dominant im internationalen medienwahnsinn.

und immerhin berichtet sie einseitige fakten, während die andere seite es eher mit den einseitigen lügen hält.

xx Hour 
28.06.2004 16:02

s.g troll
der artikel stimmt, hier eun bericht ,daß 20 millarden $ von irakische öl relöse auf konten fehlen

http://news.bbc.co.uk/1/hi/worl... 845181.stm

plau graut 
29.06.2004 21:34
was bewegt

ist - bei trolls Darlegung das zeitliche Aufeinandertreffen von verschiedenen Ereignissen:
also, daß der Adler in die Lüfte steigt, gleichzeitig auch der Löwe brüllt, wenn er nicht schweigt, - das kann kein Zufall sein.
Jedenfalls wird uns klar, daß die neuerlichen Segnungen Mesopotamiens irgendwie in Zusammenhang stehen, ..... womit wohl?
Ach ja, fast hätt ich sie vergessen: meine göttliche Eingebung und meine infernalische Liebe zur Rachsucht, auch "Heimat, süße Heimat" genannt. Schnulzengesang in "vibrierende" Erregung zu versetzen!
Damit.

manfred maier 
28.06.2004 12:35
aber frau klein, "volle souveränität in der freien, offenen zivilgesellschaft"

...heisst dieses geschäft heuet angeblich.
der zusammenhang zwischen den verbrechern und der "eingeleiteten demokratisch, liberalen ordnung" ist nicht erkennbar.
vielleicht sollten wir uns mehr mit dem orwellschen propagandaspeak auseinandersetzen.
ach, gratulation für den deutlichen kommentar!

Childerich von Bartenbruch
28.06.2004 12:31
eine gute schilderung zu diesem thema ...

... findet sich auch im artikel "das öl und die ohnmacht" in der neuen zeitschrift "datum", in der juni-ausgabe. in der einleitung wird geschildert wie amerikanische konzerne ihre büros im gebäude der amerikanischen übergangsverwaltung eingerichtet haben. "schamlos im irak" könnte auch über diesen text stehen.

nikolaus heger
28.06.2004 12:10
dear naomi klein

this is a very good analysis. i think one thing is missing, though, and it should be said loud and clear:
it's not the US who is benefitting from all this - it is a small group of oil-and-weapons intererests in the US. the rest of the US, like the rest of the world, is paying the bill.

the ones who benefit from the corrupt looting-schemes of the U.S administration in iraq are oil companies, weapons manufacturers, and security companies. the few, the privileged get in on the deal - the rest, like the rest of the world, stands by in disgust.

the deal is: the neo-cons could play out their theories on the big stage (failing catastrophically). bush, and bush friendly companies are cashing in. americal is bleeding and paying.

sixela 
28.06.2004 12:32
Glauben Sie im Ernst...

dass diese Naomi Klein Postings im STANDARD liest?

Die produziert diese sich natürlich sehr gut verkaufenden Artikel (Amerikanerin kritisiert Amerikaner) sicher an Dutzende Zeitungen in der ganzen Welt. die dann von den lokalen Redaktionen übersetzt werden. Die kümmert sich garantiert um kein Feedback.

inness robins   
28.06.2004 11:37
Sympathisch

wirkt auf mich Paul Bremer.

Alf von Melmak  
03.07.2004 01:56

Auch so ein fescher, wie der Grasser...!?

owen breon2
28.06.2004 13:50
lol?

Ronald Reagan
28.06.2004 11:36

Hab die Dame in San Francisco in der Doku "The Corporation" gesehen, das dort gewonnenen Bild bestätigt sich: Aus irgendeinem Grund haßt sie alles, was nicht staatlich ist ("Freispiel für Privatisierungsideologen").

Leider hat sie sich dafür ein falsches Anschauungsobjekt gesucht, weil im Irak so gut wie alle Probleme vom Staat geschaffen wurden - angefangen von dem erpresserischen Regime des Saddam H. über die staatliche Invasion der Amerikaner bis zur staatlichen Verteilung von Hilfs(steuer)geldern - wohl nicht primär zum Vorteil der Iraker, sonder zum Vorteil der derzeitigen Administration.

Der Irak hat ein Problem mit zu viel staatlichem Einfluß - noch mehr Verstaatlichung (Klein:"New Deal") würde die Situation noch verschlimmern

Andreas S 
28.06.2004 10:05
Wieviele Leute glauben wohl ...

... immer noch, daß Bush und Co. den Irak aus purer Menschlichkeit überfallen (verzeihung: "befriedet") haben.

Noch deutlicher kann man das absolute Desinteresse für die Bedürfnisse des irakischen Volkes kaum noch zeigen...

Andreas

Atta Troll 
28.06.2004 13:04
Die meisten Leute sind nicht so naiv zu glauben es ging im Irak rein um eine humanitäre Intervention.

Aber genauso wenig naiv sind dieses Leute zu glauben, dass so statements der Weltverbesserungsideologen irgend etwas in der Welt und im Irak im besonderen, jetzt bewirken könnte. Eine Tatsache was Ideologien tatsächlich bewirken oder eben nicht bewirken haben wir ja alle in der Geschichte sehen können. Es ist einfach absurd zu glauben es stehe im Interesse der Besatzer, dass Elektrizität oder die Trinkwasserversorgung nicht funktioniere. Splitter geben immer ein störrisches Licht, aber nie das Ganze. Es gehört zum fatalen Irrtum der Linke, immer alles in der Brille des antiimperialistischen Kampfes sehen zu müssen. Damit amputiert sie sich selbst. Verzerrungen haben noch nie geholfen Zustände zu veränderen oder tatsächlich anzupacken.

der gerüchterstatter 
28.06.2004 16:45
verzerrungen änder nichts?

also lieber troll - die gesamte weltpolitik beruht auf verzerrungen.

die invasion im irak wäre ohne verzerrungen nie passiert - das hat nichts geändert?
nazi deutschland wäre ohne verzerrungen nie passiert - das hat nichts geändert?
die französiche revolution wäre ohne verzerrungen nie passiert - das hat nichts geändert?

ob im guten, oder im bösen - immer sind es die verzerrungen, die änderungen erwirken.

das problem der demokratischen linken war es vielmehr in ihrer gutgläubigkeit an die macht der rationalen wahrheit zu glauben (=moderne) - die jedoch hat noch nie änderungen erwirkt.

Andreas S 
28.06.2004 14:07
Daß Sie sich dal mal ja nicht täuschen

Es gibt mehr als genug, die an den humanitären Aspekt glauben, die Standardforen sind da nicht repräsentativ.

Was die "statements der Weltverbesserungsideologen" betrifft. Daß das Interesse der Besatzer anders gelagert ist ist klar. Auch klar ist aber, daß es umso leichter ist, diese persönlichen Interessen auszuspielen, je geringer der Widerstand ist. Wir reden hier ja nicht von einem Einzelfall. Praktisch täglich reiht sich ein Skandal an den nächsten, warum es auch anders machen, geht schon durch, die ganze (politische) Welt kuscht ...

Im übrigen, wer immer wieder mit der Phrase des "antiimperialistischen Kampfes der Linken" daherkommt ist nicht unbedingt dazu geeignet anderen Naivität oder Ideologientum vorzuwerfen.

Andreas

Andreas S 
28.06.2004 10:00
Unglaublich

Man möchte es nicht glauben, aber das Geschehene kann wohl immer noch getoppt werden. Geld für Trinkwasserprojekte fließt in die Deko einer Botschaft???

Wie tief kann man eigentlich noch sinken ...

Andreas

el dus 
28.06.2004 09:51
Zusätzlich hat Bremer

alle möglichen Edikte erlassen und Posten auf 5 Jahre besetzt, die die "Freiheit" der "souveränen" Regierung ordentlich einschränken.......
.U.S. administrator L. Paul Bremer has issued a raft of edicts revising Iraq's legal code and has appointed at least two dozen Iraqis to government jobs with multi-year terms in an attempt to promote his concepts of governance long after the planned handover of political authority on Wednesday.
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/ar... Jun26.html

posten
»Posting 1 bis 25 von 44

Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.