Wenn Kino wieder Wissen schafft

5. Juli 2004, 12:42
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EU-Projekt für Schüler: Am Beispiel von Filmausschnitten wird besprochen, was sonst nur in den Lehrbüchern steht

Die Antwort darauf, wozu Mathematik, Physik oder Chemie gut sein sollen, suchen viele Schüler. Und verzweifeln angesichts des Lernstoffs und der eigenen Unlust, sich in ihn zu vertiefen. Zwischen zehn und 18 verlieren sie daher nicht selten das Interesse an Themen und Inhalten, mit denen sie sich früher noch spielerisch beschäftigt haben. Und so kommt es auch, dass in Österreich im Jahr 2010 laut Studien immerhin 30.000 Naturwissenschafter fehlen werden. Im gesamten europäischen Raum sollen es sogar 700.000 sein.

Die EU hat das Programm "Wissenschaft und Gesellschaft" (Wissen) auf die Beine gestellt, um dieser Entwicklung gegenzusteuern. Ein Projekt, das bewilligt wurde, stammt vom umtriebigen Wissenschafter Heinz Oberhummer vom Atominstitut der TU Wien: Am Beispiel von ein- bis dreiminütigen Filmausschnitten, die auf einer Website abrufbar sein sollen, können Lehrer mit ihren Schülern künftig Themen der Naturwissenschaften und Technik diskutieren. Ein Film wie Titanic könnte dabei zu Gesprächen über Aggregatzustände, Schwerkraft und Auftrieb anregen, sagt Oberhummer. Am Beispiel von Frankenstein würde man über Organtransplantation oder Genetik sprechen. Oberhummer will den Schülern durch Sciencefiction-Filme aber auch neue Technologien näher bringen: Matrix sei für ihn eine ideale Basis für eine Stunde über virtuelle Realität. Und Raumschiff Enterprise selbstverständlich Anregung, um über Quantenteleportation zu sprechen.

Die Idee zum Projekt kam Oberhummer, als er die alle zehn Jahre vorliegende Untersuchung der EU über den Bildungsstand der Europäer in Sachen Naturwissenschaften und Technik las. Da stand zuletzt geschrieben, dass die Europäer 2001 um 15 Prozent mehr über Dinosaurier wussten als 1992. Die Ursache: Steven Spielbergs Jurassic Park hatte eine Welle der Begeisterung für Tyrannosaurus Rex und Kollegen ausgelöst. Als er daneben noch von der statistisch erhobenen Zahl hörte, dass 20 Prozent aller Teenager in Blockbuster gehen, lag für Oberhummer auf der Hand: Kino kann auch eine relativ breite Bevölkerungsschicht bilden - zumindest auf Umwegen, wenn sie sich wie beim Beispiel Jurassic Park Sekundärliteratur zu Gemüte führt.

Schüler waren angetan

Erste Tests hätten schon gezeigt, dass die an Naturwissenschaften und Technik nur durchschnittlich interessierten Schüler von diesem "Bildungsweg" angetan sind. "Und die wollen wir ja auch dazu bringen, wieder Physik oder Chemie in Betracht zu ziehen, wenn sie an die Zeit nach der Schule denken." Der Forschungsstandort Österreich lebe schließlich auch vom wissenschaftlich arbeitenden Nachwuchs.

Am Projekt sind neben Österreich auch Deutschland, Estland, Slowenien, Litauen, Italien, Tschechien, Malta, Großbritannien und die USA beteiligt. Die Website soll daher mehrsprachig angeboten werden. Dass Lehrer die Idee nicht annehmen, glaubt Oberhummer nicht. Sie seien zwar nicht verpflichtet dazu, würden aber sicher dankbar jede Gelegenheit beim Schopf packen, den desinteressierten Jugendlichen zu zeigen, dass das Lernen von Physik, Mathematik oder Chemie doch Sinn macht. Wenigstens ab und zu. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 6. 2004)

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    foto: der standard/polyfilm
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