Die Schwäche des Pop als Chance für den Jazz

2. Juli 2004, 11:29
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Siggi Loch, Chef des Münchner Jazzlabels ACT, kann mit der Krise des Plattenmarkts bestens leben

Wien - Von einem Jazzboom zu sprechen, das halte er doch für eine Übertreibung. Aber erstaunlich sei es allemal, so Siggi Loch, wie heute jene Musik und ihre näheren Verwandten Bereiche eroberten, die lange Zeit als uneinnehmbare Bastionen des Pop galten: "Der Jazz bekommt durch die fatalen Einbrüche im Popgeschäft neues Leben eingehaucht", so Loch.

"Dass eine Till-Brönner-Platte - wie letzte Woche - auf Platz 17 in die deutschen Album-Pop-Charts einsteigt, wäre vor fünf Jahren undenkbar gewesen. Auch dass Norah Jones mit ihren beiden Scheiben auf Platz eins und zwei liegt, unmittelbar gefolgt von Diana Krall. Nils Landgren ist mit 'Funky Abba' auf Platz 43 eingestiegen. Hätte das jemand prognostiziert, er wäre noch vor kurzem als hoffnungsloser Spinner abgetan worden."

Über den Musikmarkt und seine gegenwärtig dramatischen Umbrüche lässt sich mit Siggi Loch gar trefflich parlieren. War der 64-Jährige aus Hannover doch jahrzehntelang in leitender Position in der deutschen Schallplattenindustrie tätig, die er folglich wie seine Westentasche kennt. Was denn für ihn die Gründe für die Hausse des Jazz seien, die sich vor allem im Hype um die Songs schöner, junger, Mainstream-braver Menschen manifestiere?

Loch nennt neben der Diskussion um Internetdownload "die jahrelange sträfliche Vernachlässigung des Tonträgermarkts außerhalb des Jugendspektrums" als zugrunde liegendes Problem. "Die Kids, das waren die Goldminen, da konnte man sehr schnell sehr viel umsetzen. Doch während die hohe Identifikation mit einer bestimmten Musik früher Teil des Erwachsenwerdens war, ist nun vieles schnelllebiger: Was heute in ist, ist morgen out. Es genügt, sich das Lied auf den Computer runterzuladen, und morgen hört man halt etwas anderes."

Zudem partizipierten die Menschen wesentlich länger aktiv am Kulturleben als vor 20, 30 Jahren. "Und dieses Publikum hat ein großes Interesse an Musikangeboten jenseits der MTV-Flashes und der Oberflächenbenetzung mit Sounds", so Loch.

Er sagt dies aus der gesicherten Position des Erfolgreichen: Konnte er doch mit seinem in München beheimateten ACT-Label, dem samstags im Wiener Birdland ein Schwerpunktabend gewidmet war, seit der Gründung 1992 kontinuierlich wachsen, in den letzten fünf Jahren gar den Umsatz verdreifachen - "während der deutsche Musikmarkt um die Hälfte eingebrochen ist".

Vor allem gelang Loch dies wohl durch eine geschickte Bedienung aktueller Trendthemen. Die da im Jazz lauten: Stimmen. Ethnische Musik aus allen Richtungen. Und: Skandinavien. Insbesondere auf letzterem Gebiet hat sich ACT - zumeist abseits der ätherischen ECM-Linie - als Plattform profiliert, während umgekehrt (neben dem französisch-vietnamesischen Gitarristen Nguyên Lê) schwedische Musiker wie Posaunist Nils Landgren und Pianist Esbjörn Svensson zu den Cashcows zählen.

Richtlinie Geschmack

Verantwortlich für den Erfolg von ACT ist freilich auch Lochs strenge Richtlinie in Sachen Publikumskompatibilität, die manche Produktion, zuletzt Landgrens bis zur restlosen Ecken- und Kantenlosigkeit weich gespülten Abba-Covers, in durchaus kommerzielle Gefilde lotst.

Siggi Loch dazu: "Ich beobachte sehr genau, wie das Publikum auf eine/n MusikerIn reagiert und wie er/sie mit dem Publikum umgeht. Will er sich überhaupt vermitteln oder will er nur sich selbst verwirklichen? An Letzterem habe ich kein Interesse." (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 6. 2004)

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