Ein Einstieg in Wien lohnt noch immer

19. Juli 2004, 16:45
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Halbjahresbilanz: So steil wie bisher wird es an der Wiener Börse nicht mehr bergauf gehen, warnen die Experten - Aber so richtig teuer sei der ATX trotzdem noch nicht

Wien - Nach steilem Höhenflug an der Wiener Börse - 50 Prozent Kursplus in den vergangenen zwölf Monaten, 25 Prozent seit Jahreswechsel - gebe es immer noch etwas zu holen. Das prophezeien die Analysten heimischer Banken. Nur ein bisschen selektiver müssten die Investoren werden, raten sie.

Bis Jahresende ist laut österreichischer Banken im Leitindex ATX insgesamt noch ein Aufwärtspotenzial von vier bis neun Prozent möglich - das sieht schon recht mager aus. Die Kursziele für den ATX variieren zwischen 2040 Punkten bei den Experten der Bank Austria Creditanstalt und 2150 Punkten bei der Erste Bank. Für einzelne Aktien hingegen ist das Wachstumspotenzial deutlich vielversprechender - also worauf sollten Späteinsteiger nun setzen?

Osteuropa bleibt Hauptthema

"Osteuropa bleibt Hauptthema an der Wiener Börse", erklärt Günther Artner vom Aktienresearch bei der Erste Bank. Mehr als zwei Drittel der Unternehmen am ATX profitieren von den neuen Märkten im Osten.

Diesbezüglich empfiehlt die Erste, selbst Schwergewicht am ATX und Osteuropapionier, den Kauf von Mayr-Melnhof (Potenzial 21 Prozent), Wienerberger (elf Prozent) und VA Tech (16 Prozent), aber auch Telekom Austria (14 Prozent).

"Die Frage ist, ob die österreichischen Unternehmen in Osteuropa auch langfristig halten, was sie versprechen", relativiert Alfred Reisenberger, Aktienanalyst bei der BA-CA den Optimismus der Konkurrenz.

"Bei vielen Unternehmen, die gute Kursgewinne gemacht haben, merkt man, dass Kunden auch schon wieder bereit sind zu verkaufen", so Reisenberger. Er setzt auf Unternehmen wie Andritz (17 Prozent Potenzial), Austrian Airlines (neun Prozent) und Böhler-Uddeholm (28 Prozent nach seinen Berechnungen).

Akzeptables Bewertungsniveau

Das Bewertungsniveau des ATX sei trotz der starken Gewinne der letzten Monaten immer noch "akzeptabel", so Claudia Vince-Bsteh, Aktienanalystin bei der Raiffeisen Centrobank. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des ATX liegt derzeit bei 17,09, deutlich unter dem des DAX von 29,57 und etwa auf gleich mit dem Dow Jones Industrial Average in den USA, der derzeit ein KGV von 19,6 aufweist. Das KGV gibt grundsätzlich an, wie sehr der Aktienkurs den erwarteten Gewinn übersteigt.

Ein weiterer Grund für Hoffnung auf mehr Gewinne an der Wiener Börse ist die Tatsache, dass die wirtschaftliche Erholung in Europa erst am Anfang stehe, so die Erste. Während für 2004 ein Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von etwa 1,8 Prozent erwartet wird, könnte es 2005 ein Plus von bis 2,4 geben, belegen jüngste Prognosen.

ATX ist gefragt

"Aufgrund der Konjunktur erwarten wir weiterhin gute Impulse bei den Unternehmensgewinnen", so Vince-Bsteh. Zusätzlich hinterlassen auch die Einsparungen der letzten Jahre zunehmend positive Spuren in den Bilanzen, meinen die Experten.

Die Wiener Börse wird außerdem für private wie auch institutionelle Anleger immer interessanter. Die zunehmende Nachfrage nach Zukunftsvorsorge wie Pensionsfonds, hat den Anteil von Privatinvestoren 2004 auf knapp 15 Prozent erhöht, belegt die Erste.

Gleichzeitig ist durch Privatisierungen und Kapitalerhöhungen auch die Menge an handelbaren Werten gestiegen, was zunehmend internationale Fondsmanager anzieht, aber damit auch die Abhängigkeit von den internationalen Börsen erhöht, so Reisenberger.

Größter Unsicherheitsfaktor für den ATX bleibt deshalb die Zinsangst, die durch die steigende Inflation besonders in den USA ausgelöst wurde. "Wenn die Zinsanhebung in den USA erst einmal Realität geworden ist und wir wissen, was wir erwarten können, werden die Börsen wieder entlastet", beruhigt Vince-Bsteh.

Ab Herbst wird es deshalb wieder steiler aufwärts gehen, vermutet sie. (Nadja Hahn /DER STANDARD Printausgabe, 28.06.2004)

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    foto: der standard
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