"In der US-Wirtschaft ist der Aufschwung bereits Realität"

5. Juli 2004, 16:28
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Steve Forbes, Chef eines Imperiums von Businessmagazinen, sieht die USA trotz des Irakkriegs am Beginn einer anhaltenden Expansion der Wirtschaft

Washington/Wien - In den USA sei der Wirtschaftsaufschwung bereits Realität, sagte Steve Forbes, 57, Erbe und Chef der Forbes-Wirtschaftsmagazine mit weltweit fast fünf Millionen Lesern, vor einer internationalen Journalistengruppe in Washington.

"Wenn es nicht zu einer Katastrophe im Krieg gegen den Terror oder so etwas wie Sars kommt, gibt es keinen Grund, warum diese Wachstumsphase der US-Wirtschaft nicht so langlebig wie jene der 80er-und 90er-Jahre sein sollte", sagte Forbes, der mehrfach mit Preisen für akkurate Konjunkturprognosen ausgezeichnet worden ist.

Vier Prozent Wachstum für 2004

Heuer sei in den USA mit einem Wirtschaftswachstum von mehr als vier Prozent zu rechnen, 2005 mit zumindest drei Prozent. Das werde Präsident George Bush die Wiederwahl sichern.

Vom STANDARD mit der Kritik von dem demokratischen Herausforderer John Kerry nahe stehenden Ökonomen konfrontiert, wonach die Investitionen trotzdem noch schwach seien, sagte Forbes: "Sie nahmen um 15 Prozent zu und werden weiter wachsen." Besonders die Ausgaben für Informationstechnologie, die 2000 zum Stillstand kamen, stiegen wieder, "weil IT-Anlagen, die für 1999 sehr gut waren, es 2004 nicht mehr sind".

Steuersenkungen als Auslöser

Ausgelöst worden ist der Aufschwung für Forbes durch die Steuersenkungen der US-Regierungen vor mehr als einem Jahr. Damals wurde die Steuer auf Veräußerungsgewinne von 20 sowie die Dividendensteuer von 38 auf jeweils 15 Prozent gesenkt und auch die Einkommensteuer wurde reduziert, was langfristige Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft habe.

Negativfaktoren wie die hohe Verschuldung sieht Forbes nicht so dramatisch. Das Budgetdefizit werde, trotz zusätzlicher Ausgaben in Höhe Dutzender Milliarden Dollar für den Irakkrieg zurückgehen, sobald die Steuereinnahmen im Konjunkturaufschwung wieder steigen.

Der Verschuldung der privaten Haushalte (seit 2000 von 6600 auf enorme 8800 Mrd. Dollar gestiegen) müsse man die Aktiva gegenüberstellen. In den USA, einem Land von Eigenheimbesitzern, sei es "okay, wenn jemand eine Hypothek von 25.000 Dollar aufnimmt, das Haus aber 50.000 Dollar wert ist". Wegen der niedrigeren Steuern auf Veräußerungsgewinne sei der Wert der Häuser zudem gestiegen.

Steigende Zinsen

Eigentlich sei im beginnenden Aufschwung bereits mit einer Erhöhung des Zinssatzes zu rechnen gewesen, dies sei wohl mit Rücksicht auf das Wahljahr nicht geschehen.

Er wäre aber nicht überrascht, wenn die US-Notenbank die derzeit "historisch niedrigen" Zinssätze von zwei bis 2,25 Prozent nun um 50 Basispunkte und nach den Wahlen im November um weitere 25 anheben würde. Aufgrund der geringen Inflation würden die Zinsen in den nächsten 1,5 Jahren weiter nur in "Baby-steps" steigen.

Das in den USA gefürchtete Outsourcing von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer wie China und Indien sei keine Einbahnstraße, es würden sogar mehr Jobs importiert. So baue Samsung um eine halbe Milliarde Dollar eine Fabrik in Texas, Novartis verlagere Teile der Forschung aus der Schweiz nach Massachusetts.

"Itsy-bitsy-Reformen"

Das US-Handelsdefizit, zuletzt auf dramatische 48,3 Mrd. Dollar gewachsen, sei eine Folge davon, "dass unsere Wirtschaft bis vor kurzem so viel stärker als im Rest der Welt war". Vor allem die Westeuropäer, speziell Deutschland und Frankreich, müssten erkennen, dass sie mit ihren "Itsy-bitsy-Reformen" nicht weiterkommen und sie ihr Wirtschaftssystem strukturell zu verändern haben. Auch der Beitritt der zehn Neuen zur EU werde sie dazu drängen.

Ein Musterbeispiel sei die Slowakei, die nun "Autofabriken von Frankreich stiehlt". Grund für den Erfolg sei die Flat Tax (in der Slowakei ein einheitlicher Steuersatz von 19 Prozent), deren Einführung Forbes auch für die USA gefordert hat, als er 1996 und 2000 - vergeblich - um die republikanische Präsidentschaftskandidatur kämpfte.

Flat Tax eine Frage der Zeit

Noch würden die Großen in der EU nach einer Steuerharmonisierung nach oben rufen. Es sei aber nur eine Frage der Zeit, bis ein westeuropäisches Land die Flat Tax einführen werde - "Vielleicht wird es Österreich tun?".

In Deutschland sieht Forbes derzeit noch keine Ansätze für ein "mutiges Reformprogramm". Ein deutscher Konzernchef habe ihm gesagt, die Lage müsse erst noch schlechter werden, bis eine ausreichende Mehrheit für massive Veränderungen da ist. (Erhard Stackl/DER STANDARD Printausgabe, 28.06.2004)

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    Steve Forbes glaubt, dass westeuropäische Staaten die Flat Tax einführen werden - "vielleicht tut es Österreich".

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