Die Gelassenheit des Schweizers

8. Juli 2004, 17:42
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Am Sonntag wurde in Wimbledon ausnahmsweise Tennis gespielt. Für Roger Federer war das kein Problem, bei ihm haben in erster Linie Siege Tradition.

Da sagte ein Honorary Steward zum anderen: "Heute gibt es wieder Weltklasse-Regen." Nickte der andere, seine Augen glänzten dabei. "Yes. Es ist uns gerade deshalb eine Ehre. Weltklasse-Tennis siehst du heutzutage schon überall."

Bruch mit der Tradition

Das war am Samstag, der wie der Mittwoch davor gestrichen werden musste, was wiederum fatale Folgen hatte. Denn der so genannte "Middle Sunday", der traditionell der Erholung und dem Sinnieren dient, ist ausgefallen. Zum dritten Mal binnen 118 Jahren, 1991 und 1997 war die Lage ähnlich aussichtslos. Christopher Gorringe, Generalsekretär des Clubs, bedauerte die Maßnahme ("Wir haben es uns nicht leicht gemacht, aber wir wären mit 100 Partien im Rückstand"), er sei darüber selbst am meisten geschockt. "Tragen wir es mit Humor."

Für so einen Notfall mussten Sonderregeln aufgestellt werden, es durften weit weniger Zuschauer als normal die Anlage säumen, da ein Teil des Personals geschont wurde. Ein Ticket für den Centre Court kostete wohlfeile 35 Pfund, Londoner, die am anderen Ende der Stadt wohnen, wurden aufgefordert, daheim zu bleiben. Im Hinblick auf die Anrainer werde man nämlich keine Schlange entlang der Church Road dulden.

Federer hält sich an sein Programm

Titelverteidiger Roger Federer hielt sich stur an sein Programm. "Ehrlich gesagt ist es mir egal, ob Sonntag, Montag oder Dienstag ist." Der Schweizer bestand "den ersten richtigen Test", schlug Thomas Johansson 6:3, 6:4, 6:3. Federer hat in drei Partien 19 Games abgegeben und ging kein einziges Mal seines Aufschlags verlustig. Heute trifft er im Achtelfinale auf den 2,08 Meter hohen Kroaten Ivo Karlovic. "Ich werde zu ihm raufschauen müssen."

In Wimbledon sind die ehemaligen Tennisspieler omnipräsent, John McEnroe, Boris Becker, Martina Hingis und andere kommentieren im Fernsehen, Pat Cash schreibt Aufsätze in der Sunday Times. Er glaubt, den Stein der Weisen gefunden zu haben, um Federer zu biegen, quasi zu teeren. "Man muss Selbstbewusstsein zeigen. Sein Slice mit der Rückhand ist die große Schwäche. Generell ist er besser als die Addition von Sampras, Becker und Edberg."

McEnroes Dauerklage

Federer, der seit einem halben Jahr ohne Trainer gewinnt und somit einen gesamten Berufsstand infrage stellt, darauf angesprochen: "Für mich ist irrelevant, was Cash denkt."

McEnroe beklagt nahezu täglich den Verlust von Persönlichkeiten, die heutige Generation erinnere ihn an "austauschbare Roboter". Goran Ivanisevic, von Lleyton Hewitt in Pension geschickt, verteidigte die (Ex)kollegenschaft. "Der Druck ist enorm. Heute schlägst du den Mayer, morgen hast du gegen den Müller keine Chance. Sie haben kaum Zeit, eine Persönlichkeit zu entwickeln." Der Deutsche Florian Mayer erreichte übrigens das Achtelfinale. (DER STANDARD Printausgabe 27.06.2004)


Christian Hackl aus Wimbledon
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Roger Federer tanzt auf dem Rasen.

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