"München war eine Initialzündung"

16. September 2004, 12:49
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Der WebStandard traf Novell Europa-Chef Richard Seibt am Linuxtag in Karlsruhe. Ein Interview über Linux in München, Microsoft, Mono und die Zukunft des freien Betriebssystems.

WebStandard: Vor einem Jahr haben Sie die Entscheidung der Münchner Stadtregierung, Linux statt Windows auch auf dem Desktop zu verwenden, mit dem Fall der Berliner Mauer verglichen. Sehen Sie das immer noch so?

Seibt: Ja. Ich denke es war eine Initialzündung. Das Interesse an Linux ist seit der Entscheidung dramatisch gewachsen und es hat zahlreiche weitere Projekte initiiert. Nicht nur in Deutschland, sondern auch International.

WebStandard: Wollen Behörden oder andere öffentliche Einrichtungen Linux nur einsetzen, um damit zu sparen?

Seibt: Der Spargedanke spielt sicher eine ganz große Rolle, denn die ganze öffentliche Verwaltung steht sehr stark unter Kostendruck. Das ist nicht anders, als bei jedem anderen Unternehmen. Jeder muss sich seine Kosten genau ansehen. Und Linux ist die Plattform um Gesamtkosten zu senken.

WebStandard: Suse hat die Münchner Stadtregierung beraten und bei den ersten Schritten in Richtung Linux geholfen. Welche Probleme sind dabei aufgetaucht?

Seibt: Es sind keine unerwarteten Probleme aufgetreten. Die Stadt München hat eine Bestandaufnahme gemacht und jene Architektur definiert, mit der Informationsverarbeitung in der Zukunft betrieben werden soll. Seit Mitte Juni steht diese Architektur fest. Jetzt wird es öffentliche Ausschreibungen der Stadt geben. Wir freuen uns darauf und werden uns selbstverständlich beteiligen.

WebStandard: Wird Suse mit einem eignem Desktop-Produkt antreten?

Seibt: Wir werden auf jeden Fall unsern Novell-Linux-Desktop anbieten, eine Kombination aus Ximians Desktop 2 und dem Suse-Linux-Desktop. Auch wollen wir mit dem kommenden neuen Server-Produkt, dem Enterprise Server 9, antreten.

WebStandard: Wann wird der Novell-Linux-Desktop vorgestellt?

Seibt: Wir planen ihn im September auszuliefern. Als Basis kommt ein 2.6er-Kernel zum Einsatz.

WebStandard: Mit welchem Window-Manager wird der Linux-Desktop bestückt? Suse gilt ja als KDE-, Ximian als Gnome-Firma.

Seibt: Wir stellen beide zur Verfügung. Die freie Wahl der Software ist ja ein wesentliches Merkmal von Open Source.

WebStandard: Die Entscheidung der Stadt München auf Windows zu verzichten hat offensichtlich zu einem Strategiewechsel bei Microsoft geführt. Der Konzern hat seither den Wettbewerb mit Linux verschärft. Ein augenscheinliches Zeichen dafür ist die sogenannte "Fakten-Marketingkampage". Wie bewerten Sie das?

Seibt: Das ist ein Beleg dafür, dass uns Microsoft sehr ernst nimmt, Open Source und Novell sehr ernst nimmt. Ich denke, dass diese letztendlich von Microsoft-Kunden bezahlten Kampagnen nicht erfolgreich sein werden.

WebStandard: Wie reagieren Ihre Kunden oder potentielle Kunden? Gibt es Verunsicherung? Verabschieden sich Kunden wieder?

Seibt: Nein, das merken wir überhaupt nicht. Was wir merken ist, dass unseren Kunden die Kampagnen auffallen und das eher zu einer verstärkten Nachfrage führt. Ich würde mal sagen, die Marketinggelder von Microsoft sind ein Ritterschlag für uns.

WebStandard: Die Novell-Tochter Ximian veröffentlicht in den nächsten Tagen die erste Version des freien .net-Nachbaus Mono. Warum soll man diese Technologie nutzen?

Seibt: Die Antwort ist eindeutig: Unabhängigkeit von der Plattform. Ein Programmierer, der auf Mono entwickelt, dessen Anwendungen laufen unter Linux und auch unter Windows mit .net.

WebStandard: In der Linux-Community hat nur eine Firma einen schlechteren Ruf als Microsoft - SCO. Das Unternehmen hat Teile von Unix von Novell erstanden und sorgt nun mit der Behauptung, in Linux finde sich widerrechtlich Code von Unix, für zahlreiche Klagen und Schlagzeilen. Was können Sie zum Stand dieser Causa sagen?

Seibt: Es gibt relativ wenig Neues. Zusammenfassend kann man sagen, uns (Anm.: Novell) gehören die Unix-Patente und uns gehören die Copyrights. Und wir haben ein Technologieabkommen, das uns ermöglicht, unseren Kunden, und uns natürlich auch selbst, Unixcode zu liefern. Damit sind - sollte, was wir nicht glauben, in irgendeiner Form Unix-Code in Linux sein - unsere Kunden abgesichert.

Verfolgt man den Aktienkurs von SCO, dann sieht man, dass die Situation nicht mehr sehr ernst genommen wird. Das ist letztendlich für unsere Kunden nicht relevant.

WebStandard: Wie geht es weiter mit Suse? Wie geht es weiter mit Linux?

Seibt: Wir dürfen nicht aufhören beim Betriebssystem, sondern es ist notwendig, unseren Kunden mehr Service zu bieten. Nach den Bedürfnissen der Kunden und aus einer Hand. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass wir für Open-Source- Projekte eine Finanzierungsgrundlage sicherstellen. An diesem dicken Brett bohren wir.

Zentrale Linux-Entwicklungsziele liegen in den Bereichen Sicherheit, High-Performance Computing, High Availablity, Datacenter Linux und der Virtualisierung.

Die Entwicklungsgeschwindigkeit für den Einsatz von Linux auf dem Desktop wird sich erhöhen. Besonders Funktionalitäten im Bereich Multimedia und Office-Anwendungen. All die kleinen Features, die man sich im Consumer-Bereich auch erwartet.

  • Richard Seibt hat internationale Erfahrung in der IT-Industrie, die ihn schließlich zu Suse-Linux führte.

Seit dem Zusammengehen mit Novell im Februar 2004 ist er als President von Novells EMEA-Organisation für das operative Geschäft in Europa, Afrika und im Mittleren Osten (EMEA) verantwortlich. Die Fragen stellte Markus Sulzbacher.
    foto: novell

    Richard Seibt hat internationale Erfahrung in der IT-Industrie, die ihn schließlich zu Suse-Linux führte.

    Seit dem Zusammengehen mit Novell im Februar 2004 ist er als President von Novells EMEA-Organisation für das operative Geschäft in Europa, Afrika und im Mittleren Osten (EMEA) verantwortlich.

    Die Fragen stellte Markus Sulzbacher.

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