Export in die Vergangenheit

26. Juni 2004, 14:00
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Mittelalterforscher Walter Pohl in die Akademie gewählt

Nach dem ersten Proseminar bei ihm war ich ein echter Mittelalter-Freak", sagt eine ehemalige Studentin heute noch, viele Jahre nach dem Studium. Die Lehrveranstaltung "bei ihm" - das war bei Professor Walter Pohl. Er ist ein Kapazunder der Mittelalterforschung, und sein Werk erhielt nun weitere Bestätigung. Soeben wurde er zum "wirklichen Mitglied" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften" gewählt. Eine Ehre, die heuer fünf Wissenschaftern in Österreich zuteil wurde. An der Akademie ist er auch seit Jahren Direktor des Instituts für Mittelalterforschung.

Wird der 51-jährige, geschiedene Wiener nach seinem Leben gefragt, danach woran er Spaß hat und was er gerne liest, nutzt er das zur Reflexion "über das, was man täglich tut". Er definiere seine soziale Rolle nicht über jene des Wissenschafters, auch wenn er den Beruf samt Renommee mag.

Sein Geschäft in der Mittelalterforschung sei es, "in Dialog zu treten". Wenn er alte Handschriften vor sich habe, "braucht man große Fantasieressourcen und man exportiert sich selbst in die Vergangenheit". Er exportiert sich? "Ja, weil ich meine Fragen an die Vergangenheit stelle, man geht ja nicht unbeeinflusst heran."

Pohl hat Werke über die Geschichte des frühen Mittelalters verfasst, die zu Standardwerken wurden: Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa (Thema seiner Habilitation 1989) oder Die Germanen. Enzyklopädie der deutschen Geschichte und Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration. Aktuelles Projekt: die Geschichte der Langobarden. Die für ihn bedeutendste Frage in seiner Forschung lautet: Wie entsteht Identität? "Das heißt, wie und wann fühlt man sich einer Gruppe zugehörig", erklärt Pohl, "wie entstehen die europäischen Völker - die Franzosen, die Angelsachsen, die Ungarn, die Deutschen?" Hohe Aktualität haben seine Analysen angesichts wieder kehrender nationalistischer Tendenzen.

Er sei ein ungeduldiger Autofahrer, sagt Pohl über sich. Ein Auto zu lenken ist eine der wenigen Tätigkeiten, die ihn wirklich auf die Palme bringen. Im Gespräch wirkt der Wiener aber zurückhaltend und ausgeglichen. Ruhig und sparsam setzt er Armbewegungen ein, um etwas in seiner Rede zu betonen. Etwa wenn er von der anerkannten "Wiener Schule" in der Mittelalterforschung spricht. Diese in der internationalen Szene lebendig zu halten ist ihm ein Anliegen. Dafür reist er zu vielen Vorträgen. Nicht ungern - Reisen gehört zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. "Was ich tun würde, wenn ich mehr Zeit hätte? Ins Theater und in Ausstellungen gehen."

Genüsslichen Ausgleich zur Arbeit verschafft er sich beim Kochen. "Richtung Italien und Richtung Orient" gehe er kulinarisch. "Grausliche Fertiggerichte" kommen ihm nicht auf den Tisch. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 6. 2004)

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    illustration: der standard
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