Das Zeitalter der neuen Prediger

9. Dezember 2004, 18:36
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Nach "Die Passion Christi" soll "Fahrenheit 9/11" der zweite Independent-Blockbuster werden

Mit 800 Kopien ist am Freitag, dem 25. Juni, Fahrenheit 9/11 in den amerikanischen Kinos gestartet. Daraus resultiert nach den neuen Gegebenheiten moderner Multiplex-Projektionstechnologien - und gesetzt den Fall, der Film gefällt - ein Vielfaches an Kinoleinwänden und einem Vieltausendfachen an Besuchern. Aber was heißt Besucher: Den PR-Slogans zufolge ist ein Kartenkauf für Fahrenheit 9/11 nicht nur ein Freizeitvergnügen, sondern ein Statement, und wenn es nach Michael Moore geht, dann sollten die Besucher logischerweise gleich direkt mit "ihren" Kinobetreibern in Kontakt treten: entweder, weil sie froh sind, weil Fahrenheit 9/11 gezeigt wird, oder weil sie erbost sind, weil Fahrenheit 9/11 in der Nachbarschaft nicht gezeigt wird.

Ähnlich "basisdemokratisch" argumentierte zuletzt nur Mel Gibson mit seinem Jesus-Film: Ganze Heerscharen von Christen hätte er am liebsten per Busshuttledienst vom Land in die nächstgelegenen Kinocenter gekarrt. Die Internetseite war diesbezüglich - ähnlich wie bei Moore - voll mit einschlägigen Aufrufen. Und in der Tat: Einnahmen von rund 375 Millionen Dollar schlagen gegenwärtig allein in den USA für The Passion of the Christ zu Buche (international: rund 610 Millionen Dollar!) - ein fürwahr monumentales Ergebnis für einen Film, der knapp 15 Millionen Dollar gekostet hat, teilweise infernalische Kritiken erntete und vorher monatelang als "verschrobenes" Kuriosum kaum Aussicht auf Verleiher, geschweige denn Gewinne hatte.

Ähnlich wie Gibsons Produktionsfirma Icon Film, die in ihren Marketing- und Predigtstrategien immer wieder das "allgemein Notwendige" ("Das Recht auf ein zeitgenössisches Jesus-Bild") über das konkret Diskutable stellte, geht nun auch Fahrenheit 9/11 das Prinzip der freien Meinungsäußerung über die Frage, mit welchen Fakten diese Meinung unterfüttert werden kann - und es gerät damit weit gehend in Deckung mit zeitgenössischen TV-Talk-Modellen. Aber auch ein Katastrophenschinken wie Roland Emmerichs The Day After Tomorrow lässt grüßen: Nur das Thema zählt! Dafür muss dieses Thema auch brandaktuell sein.

Die Vorabpropaganda zu Fahrenheit 9/11 wurde denn auch weniger zu einer Präsentation neuen Recherchematerials als zu einem Schnellsiedekurs in Sachen medialer Distributionsnetze. Was Michael Moore an George W. Bush und seinen Partnern auszusetzen hat, weiß ein Millionenpublikum spätestens seit Bestsellern wie Volle Deckung Mr. Bush. Was es hingegen wahrscheinlich weniger weiß, sind die sehr spezifischen Kooperationen und Konzernstrukturen in der Medienbranche, von denen Moore, wenn auch deutlich gedämpft, nicht müde wird zu berichten: Dass etwa Disney als Koproduzent von Fahrenheit 9/11 auch noch andere Interessen zu verteidigen hat (etwa ein konservatives Image und/oder Steuervorteile bei Vergnügungsparks in Florida), machte erst die Weigerung von Disney-Chef Michael Eisner, den Film zu vertreiben, deutlich. Andererseits kann ein Independent-Produzent wie Harvey Weinstein mehrfach den liberalen Freund der Filmkunst darstellen: Am komplexen System der amerikanischen Kinoketten (und deren konkreten Interessen und Investitionen) stößt auch er an seine Limits.

Michael Moore, dem nun, nachdem der kanadische Verleih Lions Gate rettend eingesprungen ist, Millionengewinne ins Haus stehen - er hat versprochen, irgendwann einmal alles zu erzählen. Inwiefern er dabei wesentliche Interna aussparen wird, bleibt abzuwarten. "Die Passion des Michael Moore" wird in den kommenden Wochen jedenfalls höhere mediale Wellen schlagen als jede Kritik an seinem "Hauptdarsteller" und Opponenten, dem begnadeten unfreiwilligen Komiker George W. Bush. (cp/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.6.2004)

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