Kontinent im Bonsai-Format

11. Mai 2005, 15:56
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Außerhalb der Touristengehege hat Gran Canaria mehrere Gesichter.

Im Verlauf der siebentägigen Schöpfungsgeschichte ist sie auf die klimatische Butterseite gefallen – Gran Canaria, die drittgrößte der sieben bewohnten Kanarischen Inseln: fruchtbare, satt-grüne Gärten und Terrassenfelder mit üppiger Pflanzenwelt, schroffe Gebirge mit karger Vegetation, schier endlos lange Sanddünen, die das Meer unaufhörlich anschwemmt, und pulsierende Städte wie die Metropole Las Palmas. 1560 km² Gran Canaria sind kontrastreich wie ein ganzer Kontinent. Der aus der Karibik kommende Nordostpassat sorgt auf der „runden Insel“ für den vielzitierten „ewigen Frühling“, der eigentlich ein warmer Frühsommer ist und praktisch 365 Tage mit Badewetter andauert. Vielleicht aber sind es gar verborgene Magneten, die tagaus tagein wahre Massen sonnenhungriger Festlandeuropäer auf das Eiland ziehen...

Schon Plinius der Jüngere nannte Gran Canaria „Insel der Seligen“ – ein Eindruck, der sich durchaus bestätigt, wenn man die mit Liegestühlen vollgepferchten Strandplätze und Ferienclubs hinter sich läßt und ins beschaulichere Landesinnere abdampft. Hier spricht niemand mehr deutsch und es gibt auch kein Wiener Schnitzel.

So richtig spanisch ist es auf der einstmals waldreichen Vulkaninsel, auf der Getreide angebaut wurde, eigentlich nicht, vielmehr afrikanisch. Die Canarios wehrten sich auch lang genug gegen die spanischen Kolonialherren. Das Gebirgsmassiv im Inselzentrum – entstanden durch Erdauffaltungen während zahlreicher Vulkanausbrüche– ist der älteste Inselteil. Die abfließende Lava grub sich Rinnen ins Gebirge, heute noch als Schluchten („barrancos“) erkennbar, und lagerte fruchtbaren Boden im Norden der Insel ab. Der weiße Sand im Südteil kommt übrigens nicht per Wind aus der Sahara, sondern aus dem azurblauen Atlantik, und die Dünengebirge von Maspalomas sind nichts anderes als die Überreste zerriebener Schalentiere.

Daß Christoph Columbus auf seinen Reisen auf den Kanarischen Inseln andockte, dürfte übrigens kein Zufall gewesen sein, denn der kanarische Archipel liegt unmittelbar auf dem Weg nach Westen, und alle Expeditionen in die „neue Welt“ versorgten sich hier mit Proviant für die lange Fahrt. Außerdem mußte Columbus eines seiner Schiffe reparieren. Damit begann ein reger Austausch auf wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Ebene, der die „Canarios“ bis heute prägt. So etwa sind viele prächtig blühende Zierpflanzen wie Hibiskus, Weihnachtsstern oder Akazie aus fernen tropischen und subtropischen Ländern importiert. Die einheimische Flora – überwiegend giftige Wolfsmilchgewächse – der notorisch unter Wassermangel leidenden Insel findet sich primär an den Hängen des Nordens oder im Zentralmassiv und ist wegen der trockenen Hitze sehr widerstandsfähig.

Dem gemeinen Touristen verborgen bleibt häufig die hübsche Altstadt Vegueta der sonst häßlichen Metropole Las Palmas. Schmale Gäßchen und Plätze führen in eine andere Welt, die mit der schrillen Canteras-Bucht nichts gemeinsam hat. Andalusische Balkone, maurische Ornamente an den Portalen und sogar ionische Säulen vor den Palacios finden sich hier.

Ob sich Columbus tatsächlich in der „Casa Colón“ niedergelassen hat, darf bezweifelt werden, einen Besuch ist das schmucke Haus aber allemal wert. (Der Standard, Printausgabe)

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