Frankreich: 35-Stunden-Woche bröckelt

5. Juli 2004, 15:40
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Die Umstellung auf die "35 heures", die seit dem Jahr 2000 stufenweise eingeführt werden, kommt immer mehr ins Stocken

Noch hält das gesetzliche Bollwerk der 35-Stunden-Woche in Frankreich - doch die Rechtsregierung wartet nur auf eine Gelegenheit, dem Arbeitsgesetz der Linken den Gnadenstoß zu versetzen. Die "35 heures" waren als Wahlversprechen des früheren sozialistischen Premierministers Lionel Jospin stufenweise ab 2000 eingeführt worden.

Mit dem Ende des Wirtschaftswachstums wuchs die Kritik an der Arbeitszeitverkürzung - damals bei gleichem Lohn, aber einer "Lohnmäßigung" eingeführt.

"Lockerungen"

Als die Rechte 2002 an die Macht kam, lockerte sie das Regime in einem ersten Schritt beträchtlich auf; unter anderem erhöhte sie die Zahl der jährlich erlaubten Überstunden von 130 auf 180 und verbilligte sie erst noch beträchtlich. 2003 kündigte die Regierung weitergehende "Lockerungen" an, ohne die Arbeitszeitverkürzung ganz rückgängig zu machen.

Vor ein paar Wochen wurde die Debatte neu lanciert; liberale Kreise um Wirtschaftsminister Nicolas Sarkozy und Premierminister Jean-Pierre Raffarin würden noch gerne weitere Abstriche machen; aus Gründen des sozialen Friedens bietet Staatschef Jacques Chirac aber derzeit keine Hand dazu. Selbst der Arbeitgeberverband Medef traut sich nicht, eine vollständige Abschaffung der "35 heures", das heißt eine Rückkehr zur gesetzlichen 39-Stunden-Woche zu verlangen.

Umstellung kommt ins Stocken

Dabei ist Jospins Arbeitszeitverkürzung erst zur Hälfte realisiert. Ende 2003 arbeitete bloß die Hälfte der Angestellten - vor allem in Großkonzernen und dem Service Public - unter dem neuen Regime; in den Kleinbetrieben haben noch nicht einmal zehn Prozent die Arbeitszeit reduziert. Und die Umstellung kommt immer mehr ins Stocken.

Auch bleibt umstritten, ob die Operation die Arbeit im Land überhaupt besser aufteilte und damit Arbeitsplätze schuf. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.06.2004)

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