Gespaltenes Amerika

2. September 2004, 19:39
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Nicht nur Irakkrieg polarisiert - Kerry- und Bush-Anhänger trennen auch in Fragen der Moral und Wirtschaftspolitik Welten

Erstmals ergab eine Umfrage in den USA eine Mehrheit gegen den Irakkrieg. Laut einer Gallup-Studie für CNN vom Freitag betrachten es 54 Prozent als "Fehler", Truppen in den Irak geschickt zu haben. Entgegen allen Beteuerungen von Präsident George Bush, die Welt sei durch den Sturz Saddams sicherer geworden, glauben 55 der Befragten das Gegenteil.

Bei der Frage, welchen Kandidaten sie am 2. November wählen werden, nannten dennoch 48 Prozent den Republikaner Bush und 47 Prozent den Demokraten John Kerry (Ralph Nader: drei Prozent).

Entschieden wird die Wahl aber nicht nach der Beliebtheit, sondern durch Siege in den einzelnen Bundesstaaten, die dann Wahlmänner entsenden. Bei der traumatischen Wahl 2000, die lang unentschieden blieb (der umstrittene Sieg in Florida wurde vom Höchstgericht dann Bush zugesprochen), starrten alle auf Landkarten, auf denen Staaten mit republikanischer Mehrheit rot und jene mit demokratischer blau gefärbt waren.

Bei Umfragen in diesen roten und blauen Staaten stellte das Zogby-Institut seither fest, dass "die Ansichten dort so unterschiedlich sind, als wären es zwei Nationen". Abseits von Krieg und Terror sind die "Roten" mehrheitlich für Steuersenkungen, gegen Abtreibung, Homosexuellenehe und Stammzellenforschung bei den "Blauen" schaut es umgekehrt aus. In den Medien wird aufgeregt über diese wachsende Kluft berichtet, die einen Wechsel der Mehrheit selbst in Staaten mit zuletzt knappem Ergebnis erschwert.

Bei den Wahlmännern ergibt sich, wenn man jene der roten und der blauen Staaten summiert, wieder ein annähernder Gleichstand. Und in der Parteipräferenz liegen Republikaner und Demokraten mit je 46 Prozent gleich auf.

Historisches Patt

"Das ist ein historisches politisches Patt", schreibt der Top-Politikberater Stanley B. Greenberg in seinem neuen Buch "The Two Americas". Greenberg, der in den Wahlkampfteams von Clinton und Gore, Blair und Schröder sowie, wie erinnerlich, Häupl und Gusenbauer mitarbeitete, hat die beiden US-Lager analysiert. Er sieht 13 Kerngruppen, wobei einzelne Wähler auch mehreren angehören können.

Bei den Republikanern stehen die Frommen an der Spitze. Die fundamentalistischen Christen und andere tiefgläubige Menschen, die regelmäßig ihr Gotteshaus besuchen, machen in den USA 17 Prozent der Wähler aus. 72 Prozent von ihnen tendieren zu den Republikanern, nur 23 zu den Demokraten. Sie überschneiden sich mit den Südstaatlern, die ein Fünftel aller Wähler ausmachen. 59 Prozent von ihnen sehen sich als Republikaner, nur 35 Prozent als Demokraten.

Landvolk macht 21 Prozent aus

Das Landvolk, früher eine viel größere Gruppe, stellt nun 21 Prozent der Wählerschaft. Hier besteht man auf Agrarsubventionen und ist skeptisch gegenüber großen Konzernen. (53 Prozent Republikaner, 39 Demokraten).

Eine besonders im Süden wachsende Gruppe sind die Vorstädter, wohlhabende Bewohner von Satellitenstädten und neuen urbanen Siedlungen ("Exurbia"), die Greenberg auf acht Prozent der Wähler schätzt. Sie sind für niedrige Steuern und gegen Abtreibung, 56 Prozent streben zu den Republikanern, nur 35 zu den Demokraten. Zwei Lifestylegruppen sind die jungen und die alten, bereits pensionierten Machos, die auf Geländewagen stehen, Waffen besitzen, das Militär mögen und etwas gegen Intellektuelle haben. Sie machen 13 Prozent der Wähler aus, die Republikaner liegen bei ihnen über 60 Prozent, die Demokraten unter 20.

Gleich groß ist die Schicht der Karrieremänner - weiß, gebildet, verheiratet und Verfechter einer möglichst freien Wirtschaft. 65 Prozent von ihnen sehen sich als Republikaner (Demokraten: 25 Prozent).

Demokraten: Frauen und ethnische Minderheiten

In der Welt der Demokraten dominieren laut Greenberg Frauen und ethnische Minderheiten. Die loyalste Gruppe bilden die Afroamerikaner (ein Zehntel der Wähler), von denen an die 90 Prozent demokratisch wählen.

Die 39,9 Millionen Latinos (Schwarze: 38 Millionen) sind seit kurzem die größte Minderheit in den USA. Jene von ihnen, die wählen gehen (dürfen), machen bereits sieben Prozent der Gesamtwählerschaft aus. 55 Prozent von ihnen bekennen sich zu den Demokraten, immerhin 37 zu den Republikanern.

Zu den treuesten Unterstützern der Demokraten zählen in den USA heute die gut ausgebildeten Karrierefrauen (sieben Prozent der Wählerschaft). 58 Prozent bekennen sich zu dieser Partei, von der sie sich mit ihren Prioritäten (besseres Gesundheits- und Erziehungssystem) und Abneigungen (Militär, Machos) gut vertreten fühlen. (Republikaner punkten vor allem bei den Verheirateten unter ihnen und kommen auf 36 Prozent).

Säkularisten machen 21 Prozent aus

Als Säkularisten bezeichnet Greenberg jene Amerikaner, die fast nie in eine Kirche gehen und etwas gegen Waffenbesitz, dafür aber Toleranz für Homosexuelle haben (15 Prozent aller Wähler). Sie sind zu 63 Prozent Demokraten, zu 30 Prozent Republikaner. Fast ein Viertel aller Wähler sind Bewohner kosmopolitischer Staaten (Ostküste und Kalifornien). Diese Weltbürger haben nichts gegen Einwanderer, bekennen sich zu 52 Prozent zu den Demokraten (Republikaner 40 Prozent), etliche von ihnen können sich aber auch ein Votum für den unabhängigen früheren Konsumentenanwalt Ralph Nader vorstellen.

Eine in den USA schrumpfende Schicht sind die Gewerkschaftsmitglieder und ihre Familien (18 Prozent der Wähler). Sie sind patriotisch, für privaten Waffenbesitz und gegen Jobs kostenden Freihandel. Sie haben mehrheitlich auch schon republikanische Kandidaten gewählt (deren Umfragewert jetzt: 40 Prozent), 53 Prozent tendieren derzeit zu den Demokraten.

Da man davon ausgeht, dass sie und andere Wählerschichten letztlich doch mit der Brieftasche abstimmen werden, kritisiert Herausforderer John Kerry vor allem Bushs Steuersenkungspolitik, die nur den Reichen nütze. Den Einkommensschwächeren gehe es dagegen schlechter. 1,6 Millionen Haushalte gingen voriges Jahr in Konkurs, drei Millionen Arbeitsplätze seien verschwunden. Der Benzinpreis stieg im Jahresvergleich um ein Drittel auf knapp zwei Dollar pro Gallone (zu 3,785 Liter, also noch immer halb so hoch wie in Europa).

Schwarzseherei

Bushs Verteidiger werfen Kerry in TV-Spots unamerikanische Schwarzseherei vor. Mit der Wirtschaft gehe es seit vorigem Jahr wieder bergauf, heuer kämen 1,2 Millionen neue Jobs dazu.

"Es gibt einen echten Aufschwung, die Wirtschaft wird heuer um vier Prozent wachsen", sagt auch der Wirtschaftsmagazin-Magnat Steve Forbes, der sich 2000 selbst um die republikanische Präsidentschaftskandidatur beworben hat. Anders als bei Bushs Vater, der im Wahljahr 1992 die Wirtschaft zu spät aus der Rezession führte, würden die Wähler diesmal die Expansion des Arbeitsmarktes schon demnächst spüren und damit - wenn es keine neuen Katastrophen um Irak und Terror gibt - den Verbleib von George W. im Weißen Haus sichern.

In der Konjunkturfrage ist sich auch der linke Politikwissenschafter Norman Birnbaum (in früheren Wahlkämpfen Berater von Jesse Jackson) mit Forbes einig: Ein spürbarer Aufschwung, sagte er dem STANDARD, könnte sich vor den Wahlen noch ausgehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2004)

Von Erhard Stackl aus Washington
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