Siemens heizt Arbeitszeitdebatte an

5. Juli 2004, 15:40
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Arbeitszeit in zwei deutschen Siemens-Werken verlängert, Gewerkschaft unter Druck - Österreich: Voestalpine-Chef fordert 40-Stunden-Woche

Berlin/Wien - Heftiger Kritik sieht sich die deutsche Metallergewerkschaft ausgesetzt. Die IG Metall hat zugestimmt, dass in zwei Siemens-Werken in Nordrhein-Westfalen die Arbeitszeit wieder auf 40 Wochenstunden erhöht wird. Bei Siemens, größtes Mitglied des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, stimmte die IG Metall einer Abkehr von der 35-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zu.

Die Regelung betrifft rund 5000 Mitarbeiter und beinhaltet eine Bestandsgarantie für die beiden Werke für zwei Jahre. Die angedrohte Verlagerung nach Ungarn ist für diese Zeit vom Tisch. Auch werden Urlaubs- und Weihnachtsgelder nun durch eine erfolgsabhängige Jahreszahlung ersetzt.

"Beschäftigungssicherung oberstes Ziel"

"Wir haben gesagt, das Ziel Beschäftigungssicherung ist das oberste Ziel, und wenn es eben dann sein muss, dass der Tarifvertrag auch einige Lösungen bringen muss, wollen wir nicht daneben stehen", rechtfertigte sich IG-Metall- Chef Jürgen Peters. Das Zugeständnis sei eine "bittere Pille" und ein Einzelfall.

Sein Stellvertreter Berthold Huber schließt jedoch eine Arbeitszeitverlängerung auch in anderen Problemfällen nicht aus. Dies sei eine von sehr vielen möglichen Maßnahmen, um zu einer Lösung zu kommen, wenn die betrieblichen Möglichkeiten bereits ausgeschöpft wurden.

Ein Dammbruch

Von Experten wird diese Verständigung aber als "Dammbruch" bezeichnet. "Wenn das ein so großes Unternehmen wie Siemens macht, hat das eine Signalwirkung", meint der Arbeitsmarktexperte Hamen Lehment vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Der Arbeitszeit-Experte Steffen Lehndorff vom Gelsenkirchener Institut Arbeit und Technik kritisierte die Vereinbarung. Wer die internationale Konkurrenzfähigkeit deutscher Betriebe durch Lohnsenkungen und unentgeltliche Mehrarbeit beheben wolle, werde in ein bis zwei Jahren erneut vor dem gleichen Problem stehen. "Nur dann wird es um die Einführung der 45-Stunden-Woche gehen."

Siemens-Chef Heinrich von Pierer zeigte sich mit der Einigung zufrieden. Mit Blick auf Verhandlungen für verschiedene andere Standorte meinte er: "Ich bin zuversichtlich, dass wir weitere lokale Bündnisse abschließen werden." Auch bei DaimlerChrysler wird eine Arbeitszeitverlängerung gefordert. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hat die Arbeitszeitverlängerung als "absolut richtige Entscheidung" begrüßt. Allerdings sei das Modell nicht pauschal auf andere Unternehmen übertragbar.

Signalwirkung

Siemens-Österreich-Chef Albert Hochleitner war am Freitag zu keiner Stellungnahme bereit. Klarerweise hat die deutsche Einigung aber auch Signalwirkung für die hier zu Lande laufende Debatte. Metaller-Chef Rudolf Nürnberger will "keinen Dammbruch" erkennen. Es handle es sich um eine deutsche Spezialsituation. Auch in Österreich habe man bei bedrängten Betrieben immer wieder Einzellösungen ausgehandelt.

Das weiß und lobt die Arbeitgeberseite. Der österreichischen Industrie, mit 1650 Jahresarbeitsstunden im internationalen Vergleich eher im unteren Bereich angesiedelt, würde eine Arbeitszeitverlängerung "mit Augenmaß" dennoch sehr gut tun, sagte Voest-Chef Wolfgang Eder. Gemessen an den geltenden 38,5 Stunden pro Woche wäre eine Ausweitung auf 40 Stunden eine "deutliche Verbesserung". Eder: "Ohne Lohnausgleich, sonst bringt es nichts."

Personal: Ein Viertel

Bei der Voest machen die Personalkosten 25 Prozent der Gesamtkosten aus - Tendenz sinkend, aufgrund der steigenden Automatisierung. Längerfristiges Ziel sei es, die Personalkosten auf 20 Prozent zu drücken.

"Lohndumping" nennen Gewerkschafter normalerweise eine Arbeitszeitausweitung ohne Lohnausgleich und erhalten indirekt Unterstützung von Wirtschaftsforschern. Wifo-Experte Markus Marterbauer sagt: Österreichs Industrie könne den internationalen Wettbewerb nur über die Qualität, nicht über den Preis gewinnen. IHS-Chef Bernhard Felderer meint, die gesamte Standortdebatte sei "davon abhängig", wie sich die Löhne im Osten entwicklen würden. Steigen sie rasch, würden Betriebsverlagerungen ebenso rasch an Attraktivität verlieren. (Michael Bachner, Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.06.2004)

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