Nachruf auf Serbiens Zukunft

7. Juli 2004, 17:39
29 Postings

Reflexionen eines "Utopisten" am Vorabend der Präsidentschaftswahlen in Serbien-Montenegro - Kommentar der anderen von Predrag Matvejevic

Für Serbien, den konsistenten Teil von Restjugoslawien, zeichnen sich weiterhin düstere Jahre ab. Das Abkommen von Dayton, welches einst das Ende des Krieges herbeiführte, ist mittlerweile zu einem Hindernis für den Frieden geworden:

Bosnien-Herzegowina funktioniert noch nicht als Staat und produziert keine Güter. Die Sonderstellung einer seiner Komponenten, der Serbischen Republik, dient der internationalen Gemeinschaft als Köder an der Angel, als eine Art Entschädigung für Serbien, das den Kosovo verloren hat. Auf diese Weise ermuntert man aber die separatistischen Bestrebungen der herzegowinischen Kroaten und verhindert, dass Bosnien- Herzegowina zur Einheitlichkeit zurückfindet.

Montenegro wieder ist zerrissen zwischen dem Wunsch eines beträchtlichen Teils seiner Bevölkerung, sich von Serbien zu trennen, und der traditionellen Anhänglichkeit des anderen Bevölkerungsanteils an die serbisch-montenegrinische Einheit, die allerdings nach den letzten Wahlsiegen der Nationalisten immer weniger erstrebenswert erscheint.

Bessere Zeiten?

Kroatien gelingt es nicht – in Wirklichkeit hat es weder den Willen noch den Mut dazu – seinen Bürgern serbischer Nationalität, die seinerzeit aus der Krajjna geflüchtet sind, die Möglichkeit zur Rückkehr in ihre zerstörte Heimat zu bieten. Wahrscheinlich sind es mehr als zweihunderttausend Menschen, die nicht mehr zurückgekehrt sind. Sie zittern noch heute, wenn sie sich an die erlittenen Verfolgungen erinnern, wie ihre Vorfahren beim Gedanken an die Ustascha-Massaker. Nachdem die "Patrioten" im Zuge der "Privatisierungen" während der Tudjman-Ära das Land ausgeplündert haben, ist heute ein Drittel der Kroaten ohne Arbeitsplatz und die Auslandsverschuldung beträgt fast 20 Milliarden Dollar.

Die Mazedonier sind die "Waisen" des ehemaligen Jugoslawien, innerhalb dessen sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte als Nation anerkannt worden waren: Sie misstrauen den benachbarten Serben, die das mazedonische Gebiet gerne als "Südserbien" betrachteten; sie haben wenig erfreuliche Erinnerungen an Bulgarien, das nie seinen Anspruch verbarg, sie "beschützen" zu wollen; sie haben Angst vor den kinderreichen Albanern, im Kosovo genauso wie in Mazedonien selbst, die mit ihren Kriegsbanden ein verletzliches, von der Geschichte geschlagenes Volk immer gefährlicher bedrohen.

Im Flankenschutz von Zentraleuropa konnte Slowenien als erstes vom verrückt gewordenen balkanischen Karussell abspringen und dabei noch eine hübsche Beute aus der ex- jugoslawischen Gemeinschaft mitnehmen. Leider ging das nicht ohne ein paar Dreckspritzer ab: Beim "Übergang" musste es die Wagenräder mit dem Geld schmieren, das Menschen aus ganz Jugoslawien der Bank von Ljubljana (Ljubljanska Banka) anvertraut hatten, Sparer, die erbarmungslos um ihre Einlagen gebracht wurden.

Ja selbst dem Kosovo geht es heute weitaus schlechter als zur Zeit des "Tito-Jugoslawien", das wenigstens versuchte, die Region von Rückständigkeit und Elend zu befreien. Fast die Hälfte der kosovarischen Bevölkerung ist heute arbeitslos, die Jugend versucht mit allen Mitteln aus dem armen Land zu fliehen, die nationalen Parteiführer verhalten sich wie einst die orientalischen Despoten und die Intoleranz gegenüber der serbischen Minderheit, den wenigen Verbliebenen, die sich verzweifelt an Haus und Hof klammern, überschreitet jedes erträgliche Maß.

Hoher Preis

In diesem Umfeld vollziehen sich die Ereignisse in Serbien, einem Staat erschöpft von absurden Kriegen, von Niederlagen, die man als lächerlich bezeichnen müsste, wären sie nicht tragisch, gedemütigt und verarmt, vor allem von "Schattenwirtschaft" und Schmuggel lebend, mit Hunderttausenden von Flüchtlingen aus Kroatien, aus Bosnien- Herzegowina und aus dem Kosovo, die Rettung bei ihren Landsleuten suchten, ihnen aber zunehmend zur Last fallen, kein Wunder in einem Land, in dem mehr als dreißig Prozent der Bevölkerung ohne Arbeit ist und an der äußersten Armutsgrenze lebt. Das ist der Preis, der in Serbien, genauso wie in Kroatien, in Bosnien und anderswo bezahlt werden muss, wenn man die Nation zum Mythos erhebt und für wichtiger erachtet als das Wohlergehen des Volkes.

Vergebliche Mühe

Wenn wir heute einen Blick auf die geografische, geopolitische und moralische Verfassung dieser Länder werfen, so sind wir noch mehr als früher davon überzeugt, dass wir nicht so "naiv", nicht solche "Utopisten" waren – wir, die zu wenigen, die entgegen dem Druck und den Drohungen der Nationalisten behauptet haben, es wäre besser, beisammen zu bleiben, selbst in einer auf schwachen Beinen stehenden Föderation, als gegeneinander Krieg zu führen. Umsonst schlugen wir vor, Geduld zu haben bis zum Eintritt in die europäische Gemeinschaft, umso mehr als die Union selbst uns damals eine solche Lösung anbot. Ein Staat, der allgemein ein unleugbares Prestige als Vorreiter der "Dritten Welt", an der Spitze der "blockfreien Staaten" genoss, hätte sich ein besseres Schicksal verdient, als jenes, das dann seine monströsen Repräsentanten für ihn aussuchten.

Das Unheil, das uns zugestoßen ist, hätte vermieden werden können: die Entbehrungen, die nicht alle in gleichem Maß trafen, die zahlreichen Opfer aus allen Landesteilen: an die zweihunderttausend Tote, mehr als drei Millionen Vertriebene, Abertausende von Flüchtlingen in der ganzen Welt, Unglück und Schmerz, wo man nur hinsieht. Die nationalen Identitäten, auf denen man so sehr beharrte, hätte man auch ohne Blutvergießen behaupten und stärken können: die europäische Zivilisation kennt bestimmte übergeordnete Kriterien, mag sie sie auch nicht immer anwenden.

Hingegen ist das Unwiederbringliche im Kantschen Sinn nun vollzogen – nach all dem Geschehenen ist eine jugoslawische Gemeinschaft nicht mehr denkbar: Wer möchte noch mit denen zusammenleben, die bei den letzten serbischen Wahlen so viele Stimmen zugelegt haben, oder mit denen, die noch vor kurzem auf kroatischen Stadtplätzen in Schwarzhemden ihre Slogans brüllten?

Vielleicht werden wir uns eines Tages, wenn wir es verdient haben, gemeinsam in der Europäischen Union wiederfinden – wer weiß, wann und wie –, um das zu verwirklichen, was uns schon angeboten worden war und was wir tun hätten können, bevor die Tragödie begann ... (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2004)

Der Literaturprofessor und Schriftsteller Predrag Matvejevic ("Der Mediterran", "Die Welt 'ex'"), 1931 in Mostar geboren, ist 1991 aus Jugoslawien emigriert und lebt seither in Rom und Paris;



Übersetzung des erstmals in der Triester Tageszeitung "Il Piccolo" erschienenen Artikels (redaktionell gekürzt): Renate Lunzer

Share if you care.