Klicken im Cyberspace statt Vorkosten beim Kellermeister

4. Juli 2004, 18:37
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Franzosen kaufen Weine zunehmend im Internet - Internet schützt vor peinlichen Momenten

Bei der Suche nach einem edlen Tropfen vertrauen viele Franzosen neuerdings eher auf das Internet als auf das Gespräch mit einem Kellermeister. Weinkauf im Cyberspace dürfte nach Einschätzung von Experten im Jahr 2004 einen Zuwachs von 33 Prozent verzeichnen. "Der Kunde wird besser bedient", erläutert der ehemalige Sommelier Jean-Michel Deluc. "Er hat eine riesige Auswahl und wird beim Kauf gut beraten." Weiterer Vorzug: Die Liebhaber ausgewählter Cuvées können auch am späten Abend in aller Ruhe die virtuellen Keller durchstöbern - und sie müssen sich nicht einmal genieren, wenn sie vor dem Klick auf den Château-Margaux für 100 Euro noch einmal den Kommentar in einem Weinratgeber lesen.

Vorteile

Der französische Marktführer Chateauonline verzeichnet eigenen Angaben zufolge mittlerweile 35.000 Kunden, Wineandco bringt es auf 20.000. Chateauonline, das unter www.chateauonline.de auch in deutscher Version existiert, spricht von 600 Neukunden pro Monat. "Der Durchschnittskunde ist ein vielbeschäftigter leitender Angestellter zwischen 25 und 50, der manchmal auch mitten in der Nacht bestellt", berichtet Deluc, der jetzt als Weinexperte bei Chateauonline arbeitet. In aller Ruhe kann der Kunde nach Region, Rebsorte und Geschmack auswählen. Das Angebot von über tausend Weinen kann von Supermärkten kaum überboten werden. Chateauonline hat Seiten für neun Länder, 2.000 Weine und Lieferzeiten von drei Tagen in Frankreich und vier Tagen in Europa.

Wartezeit

Allerdings gibt es auch Internetweine mit Lieferzeiten von zweieinhalb Jahren - die so genannten Subskriptionsweine. Das sind die aktuellen Jahrgänge, die jetzt in den Fässern reifen und erst in zwei Jahren genießbar werden. Eine Garantie kann es dabei natürlich nicht geben - wie der Wein sich in seinem Reifeprozess entfaltet, kann selbst der größte Experte nicht exakt vorhersagen. Mit Glück kann der Wein-Surfer aber heute bestellen, um im Frühjahr 2006 ein paar gute Flaschen in seinen Keller zu legen, deren Wert dann mit jedem Jahr steigt.

Verwaltung

Damit Weinfreunde den Überblick über ihre Bestände nicht verlieren, gibt es auch Computerprogramme zur Weinkellerverwaltung. Wer brav jede gekaufte und gelagerte Flasche in die Registratur eingibt, erfährt dann von seinem Programm, wann der Zeitpunkt zum Entkorken gekommen ist - und zu welchen Gerichten er den jeweiligen Tropfen vorzugsweise servieren sollte. Denn der Kenner stattet seinen Keller auf Jahre im voraus aus, bis er für jeden Tag den richtigen Wein auf den Tisch zaubern kann.

Doch nicht nur für solche Experten und Liebhaber ist das Internet ein interessanter Zugang: "Ich brauche mich nicht zu schämen, wenn ich beim Durchblättern der Angebote den Parker aufgeschlagen habe", sagt der 42-jährige Internetkunde Edouard mit Blick auf die als Standardwerke geltenden Weinführer von Robert M. Parker. "Ich bin eher vorsichtig, aber wenn Parker den Wein lobt, kann ich mich blind darauf verlassen." Edouards Hobby ist bislang noch ein typisch männliches: Zu den Internetkunden gehören Deluc zufolge kaum Frauen. Sie kaufen Weine für den Hausgebrauch meistens im Supermarkt: Drei Viertel des Weinumsatzes in Frankreich werden beim ganz banalen Lebensmitteleinkauf abgewickelt. (pte)

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