Wo die Pferde Glocken tragen

11. Mai 2005, 15:56
posten

In den katalanischen Pyrenäen können sich nicht nur Menschen verlaufen.

Der erste Gedanke, wenn das Wort Pyrenäen am zerebralen Screen limmert, ist jener an die Hundertschar der Radler, welche alljährlich an der französischen Seite dieses Gebirgszuges ihre Dopingmittel herausschwitzen. Aber die Pyrenäen haben auch noch eine andere Seite - die katalanische.

Dort in den Pyrenäen ist es - vorzugsweise im Sommer - so richtig ruhig, nur vereinzelt tauchen diverse Jean-Pierres oder Jean-François' auf, gar nicht zu vergleichen mit den Mengen von Klaus-Uwes oder Karl Friedrichs, die bei uns im Karwendel lautstark ihre Jausensackln inspizieren. Also auf in die Pyrenäen.

Ein Schafhirte blockiert im Boí-Tal mit seinen Wolleträgern die Straße und ist so gar nicht amüsiert über die fotografierenden Wegelagerer, die in ihrem touristischen Eifer und bei Ansicht der blökenden Schar eine Zeitreise in die eigene Kindheit antreten. Mit der Selbstvermarktung sind die Gebirgskatalanen noch nicht so weit wie bei uns in Tirol. Schafehüten ist Schafehüten, kein ständiger Almabtrieb und damit auch kein Grund für selbstgefällige Dauerfröhlichkeit. Wie ernst die Katalanen das Leben in den Bergen nehmen, zeigt sich vielleicht am deutlichsten im Umgang mit der Natur.

Es fehlen die kilometerweiten Forststraßen, die sich durch die Wälder fressen, und wenn schon Chalet-Siedlungen - wie im Ferienort Artíes mit seinem schönen Parador -, dann sind sie kompakt in der Landschaft gestellt. Man kann sich also in den Pyrenäen noch verlaufen. Das scheint auch den Pferden so zu gehen, denn im Nationalpark Aigüestortes Sant Maurici werden ihnen sogar Glocken umgehängt. Solche Szenen lassen sich ja noch bequem vom Bus aus fotografieren. Aber auf die Berge geht es - in Ermangelung von Seilbahnen - vorzugsweise nur zu Fuß. Nicht nur wegen der hartschimmernden Schieferplatten, sondern auch, um einen Pflanzenreichtum zu genießen, der in seiner Üppigkeit die Flora der Ostalpen ziemlich blass aussehen lässt.

Dieser Kontrast von Material und Farbe setzt sich in der Kunst der Pyrenäen fort. Es ist die Romanik, für die das Gebirgsland bekannt wurde. Und in Sant Joan de los Abadesses haben Holzbildhauer des 13. Jahrhunderts die immer noch dominierende Atmosphäre in dieser stillen Nordostecke Spaniens auf den Punkt gebracht: den Ernst und die Schlichtheit, verdichtet durch die intensive Pracht des Kolorits. (DER STANDARD, Printausgabe 03/2000)

Von
Gert Walden
Share if you care.