Seeteufel statt schwarzer Afghane

13. Mai 2005, 14:04

Musterbeispiele des Amsterdamer Lifestyle: Restaurants, die bezüglich Kreativität London oder Paris locker schlagen.

Florian Holzer

Blättert man in den Amsterdam-Führern, verlässt einen leicht einmal der Mut: Denn außer Matjes, Käse, indonesischer Reistafel und Erbsen-Kroquetten scheint die Stadt kulinarischerseits nichts zu bieten. Tatsächlich kommen die Lokale um die Spaß-Meile des Leidseplein über ein mittelmäßiges Fast-Food-Niveau auch selten hinaus, doch hat sich insgeheim während der letzten Jahre eine Restaurant-Szene entwickelt, die bezüglich Kreativität London oder Paris locker schlägt.

Gemeinsam ist diesen neuen Lokalen die lässige Umgangsform sowie die Individualität bei Einrichtung und Konzeption der Speisekarte. Bestes Beispiel dafür ein winziges Beisl, das früher einmal ein Schraubengeschäft war und nun an die 30 Sitzplätze und eine eher provisorisch wirkende Küche mitten im Lokal aufweist. Gekocht wird in Balthazar's Keuken zwar nur ein Menü, doch das ist dafür umso bunter aus mediterranen, nordafrikanischen und asiatischen Elementen zusammengewürfelt. Weil's eng ist und nur an drei Tagen offen hat, herrscht ein ziemliches Gedränge, neue Bekanntschaften sind unvermeidlich.

Oder das Lof, früher ein Greißler, heute ein Musterbeispiel für den Amsterdamer Lifestyle zwischen hip und schräg: Man delektiert sich an Salat mit Seeteufel oder gegrilltem Schwertfischsteak mit Safransauce und Koriander, und als Serviette bekommt man ein Geschirrtuch.

Jüngste Blüte in Amsterdams kulinarischem Kreativ-Treibhaus ist das Summum, in dem zwei junge Köche, die zuvor in den besten Lokalen San Franciscos die hohe Schule der Fusionsküche lernten, kombinieren, dass es nur so kracht: etwa Radicchio-Schälchen mit Lamm aus dem Wok oder Kaninchen mit Kokos, Muscheln und Bohnen.

Für Amsterdamer Verhältnisse wirken da Köche wie die wunderbare Jean Beddington in ihrem Bauhaus-gestylten Restaurant oder Edwin Takens in seinem urigen Gourmet-Beisl fast schon klassisch.

© DER STANDARD, 1. Oktober 1999 Automatically processed by COMLAB NewsBench

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