In Richtung Sommernachtstraum

10. Mai 2005, 16:10

Sommerfrische auf Schwedisch: Bilderbucharchipel mit mildem Klima.

Robert Haidinger

Mordillo hätte auf den rundgeschliffenen Felsbuckel wohl ein Fußballfeld gesetzt - die Einwohner von Astol entschieden sich lieber für ein Dorf. Ein echtes Fischerdorf mit allem, was in der südschwedischen Provinz Bohuslän so dazugehört: zwanzig, dreißig weißgelackte und falunrot gebeizte Holzkaten, in bescheidener Dimensionierung in die Runzeln der Insel geduckt und am glatten Granitboden praktisch festgeschraubt, mit Stahltrossen zusätzlich gegen stürmische Winde gesichert. Ferner eine zwar winzige, aber das ganze Steininselchen aromatisierende Fischräucherei. Einige mehr oder weniger bunte Kähne. Und dazu schließlich all die übrigen Versatzstücke des guten, alten Onkel Svenson-Klischees, das geeichten Schwedenurlaubern nun einmal unter die Haut geht: Möwengekreische und -geflattere. Frischer Algengeruch. Und Pfeifentabakwolken, die sich Richtung blauem Himmel kräuseln. Ausgepafft von einem unrasierten Rollkragenpulli-Träger, der mit dem morgenkalten Benzinmotor seines Außenborders asthmatisch um die Wette keucht.

Andere schwedische Archetypen sucht man auf Astol hingegen vergebens: von Saabs, Volvos, Scanias keine Spur. Die Sache ist nämlich die: Lediglich zehn Minuten braucht man für die Inselumrundung, einige Ausrutscher am glatten Seegrassalat miteingerechnet. Wer gut zu Fuß ist, schafft in dieser Zeit auch noch ein Mandelküchlein plus Oberskaffee, das Olof Olsson im einzigen Café der pobackenförmigen Insel serviert. Und zwar genau am kleinen Hafen - das Wort übertreibt: lediglich einige Bootsschuppen und ein hölzerner Landungssteg, der sich forsch zwischen die beiden Inselhälften zwängt.

Daß die zuletzt angekündigte Brücke zur Nachbarinsel Tjärn besser überhaupt nie gebaut werden sollte, ist in Olssons Café längst kein Thema mehr: Astol will eine Insel bleiben. Skal! Und dieser Meinung sind auch die vielen Fremden, die zwischen Mai und September mit matrosenblauen Kapitänsmützchen und gelben Gummistiefeln über den schwarzweiß gestreiften Inselgranit wetzen. Längst leben die meisten Astoler von ihnen.

Dabei umspült das Meer dieser begnadeten Gegend jenseits der Bilderbuchinsel auch noch ein angrenzendes Bilderbucharchipel. Wo sonst, wenn nicht hier, sollten sich die Schweden ihre "sommerstuga", das naturnahe Holzhäuschen, erträumen, deren Surrogate als Wohnwagen oder Freizeitboote alljährlich von Stockholm, Malmö, Göteborg oder dem benachbarten Oslo Richtung Sommernachtstraum ausschwärmen.

Was auf Astol zutrifft, adelt ebenso 3000 weitere Inselchen der südwestschwedischen Riviera, deren landschaftlich reizvolle Küsten und vergleichsweise mildes Klima längst Urlauber aus aller Welt, vor allem aber ein deutsches und skandinavisches Stammpublikum, anziehen. "Goldene Küste" nennen die Schweden den 400 km langen Abschnitt zwischen Halmstad und der norwegischen Grenze, und während südlich von Göteborg die Provinz Halland noch mit der konventionellen Schönheit von gelb leuchtenden Rapsfeldern und langen, weißen Sanddünen lockt, wird die "Goldene Küste" ihrem verheißungsvollen Namen vor allem nördlich von Göteborg längs der Provinz Bohuslän gerecht: Bernsteingelbe, wuchtige Granitfelsen, vom Frost gesprengt und von der Brandung an den Kanten und Ecken rundgeleckt, wechseln hier mit rosafarbenem Gestein und mit winzigen, zwischen der malerisch zerschrundeten Landschaft eingesprenkelten Sandbuchten ab. Jede zweite Ecke ein geschütztes Plätzchen, eine private Badewanne mit Granitstufen und Blick auf dunkelblaues Wasser.

Ein Geheimtip blieb Bohuslän dabei in jedem Fall: für Segler und Surfer, die zwischen den zahlreichen, unbewohnten, mitunter labyrinthisch verstreuten Inselchen die eigene Fähigkeit zur Orientierung neu ausloten mögen. Oder für Hobby-Zoologen, die hier an Schwedens einzigem Fjord, dem Gullmarsfjord nämlich, auf den Seehund kommen oder aber die zahlreichen weiteren Naturattraktionen des rund 5000 km² großen Bohuslän entdecken können: Brutvögelkolonien etwa, nie gerodete Fjäll-Gebiete rund um die Bullaren Seen oder den Muschelberg von einer Brücke bei Uddevalla - eine ozeanische Ablagerung aus 90 verschiedenen Muschel- und Krabbenarten.

Ebenfalls im Hinterland der 160 km langen Küstenprovinz, die Anfang des 17. Jh. noch norwegisches Territorium war und Zeit des Hoch- und Spätmittelalters als chronischer Zankapfel zwischen Norwegen, Dänemark und Schweden galt, verbirgt sich schließlich auch das kulturelle Highlight der Region. Tanums bronzezeitliche Steinritzungen gelten als die umfassendsten ihrer Art und wurden 1994 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt - ein frühzeitlicher Cartoon, der beim Örtchen Vitlycke auf über 200 m² Sichtfläche und in gegenwärtig rostroter Kolorierung von 3000 Jahre alten Schlachten, Schiffen, Jagdszenen und Romanzen erzählt.

Die Koexistenz von Fischerei und Sommerfrische hat den Orten währenddessen nichts von ihrem ehemaligen Reiz geraubt, sondern beschert im Gegenteil selbst jenen Exzentrikern touristische Erfolge, die ihre Urlaubsdestinationen nach dem Klang von Ortsnamen auswählen. Beispiel Fiskebäckskil, was wohl mit "Fischen" und "hinten" (oder Rücken?) zu tun hat: einige steile Gäßchen; Möwen, kreischend wie gehabt. Stündlich eine Fähre aufs Festland und sonst viel, viel Ruhe, so sieht es am Bohusläner "Fischrücken" aus.

Besonders traumwandlerisch wird der Ort im Gleichklang mit Rest-Bohuslän freilich erst zum Altweibersommer, wenn die Spitzengardinen bereits etwas verrutscht und die entzückten Urlaubermassen ausgedünnt sind. Rote Ebereschen führen dann in flammenden Alleen zu verwaisten Buchten. Locken die letzten Gäste hinter Fiskebäcksil etwa und dann immer durch die großen braunroten Granitbuckel durch. Oder einfach der Nase und den Ohren nach. Ohnehin kann man das Meeresplätschern fast überall hören. Als Antwort auf knatternde Segel. Oder als Ouvertüre zum salzig-frischen Algen-Garnelen-Potpourri, das hier mit Flut und Ebbe in Tausenden Steinlöchern schäumt.

© DER STANDARD, 6./7. Juni 1998 Automatically processed by COMLAB NewsBench

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