Lappland-Safari

10. Mai 2005, 16:10

Mit der Bahn durch Schwedens Norden.

Dietmar Scherf

Eisig bläst der Morgenwind auf das Häufchen Passagiere am Bahnhof von Galtivare, Lappland. Es ist Mitte Juli, am Anfang einer Reise quer durch die nordländische Wildnis. 750 Kilometer in 15, vielleicht 17 Stunden, "manchmal gibt es Verspätungen", steht schon im Fahrplan, "damit Sie noch mehr erleben können!". Auf offener Strecke werden die Wagen stoppen, weil ein Rentier auf die Gleise springt oder jemand einen Bären entdeckt hat. Über den Polarkreis nach Ostersund kann man auf andere Weise schneller reisen: Bei der Inlandsbahn ist der Weg das Ziel.

Eben kriecht der Schienenbus heran. Zwei Waggons, dieselgetrieben, alt und rumpelnd. Respekteinflößend sind nur die eisernen Schneepflugplanken, grellgelb gestrichen, und der knallorange Lack der Wagen. "Storuman" steht darauf, der Name des Ortes, in dem "der größte Wilde der Welt" zu Hause sein soll und den die Bahn im Urlaubstempo noch an diesem Tag erreichen will. Mit einem mächtigen Ruck beginnt das Abenteuer. Reisebegleiterin Caroline kündigt gleich die ersten drei Kaffeepausen an. Dazwischen liegt der skandinavische Dschungel: Hunderte Kilometer weit nur karge Nadelwälder, Felder von Steinbrocken, Sümpfe und Seen. "Garten des Teufels" heißt das Stück Land, das wir bei Poijus passieren. Draußen ziehen spindeldürre Birken vorbei. Die Wagen rattern über die Schienen, bis zum Abend wird sich der Takt der Schwellen den Passagieren gut eingeprägt haben. Dazu dröhnt unregelmäßig das langgezogene Hupsignal.

Nach einer Stunde und 94 Kilometern der erste Stopp in Vajkijaur. Ein Haus, davor ein Lappenzelt, in dem "alles vom Rentier", Geweihe und Fleisch, zu haben ist. Die meisten Reisenden lassen den Sami-Kaffee im eisigen Polarwind stehen. Statt dessen sammeln sich alle im vorderen Waggon am einzigen funktionierenden Heizkörper, und Caroline erzählt, daß die Menschen "schon ewig" den Rentieren nachgestellt hätten. Beim Nachbarort Jokkmokk wurden neben Resten einer Siedlung auch steinzeitliche Fanggruben für Rentiere gefunden.

Weiter geht's, doch gleich bleibt der Zug wieder stehen. Diesmal steigen alle aus. Kamerasucher werden auf eine Reihe weißer Stangen gerichtet, die den "Polarcirkel" markieren. Daß nördlich dieser Linie die Sonne von Mai bis Juli die ganze Nacht durch scheint, erklärt ein vollbärtiger Schwabe seinen Kindern und drückt sie fürs Foto an einen krummen Grenzpfosten.

Keine zehn Minuten später ein außerplanmäßiger Stopp: Es will doch jemand in die Einöde, rucksackschleppend auf Bärensuche. Das nächste Haus steht wohl 20 Kilometer weiter. Mit einem kühnen Satz vom Waggon auf das Schotterfeld macht sich der Abenteurer auf in die Wildnis. Der Zug rattert weiter, waghalsig auf einer schmalen Brücke über tosende Stromschnellen. In Moskosel zeigt das "Rallarmuseet" die Baugeschichte der Inlandsbahn: Knochenarbeit, bis 1937 der damalige Kronprinz Gustav Adolf die Strecke einweihte. An mancher Station geht es richtig festlich zu. Wenn die "Inlandsbanan" kommt, winken die wenigen Anwohner.

Mittagspause in Arvidsjaur, berühmt für seine "Lappstaden", eine große samische Kirchensiedlung. Waldesstille. Am Bahnhof stehen zwei Buden mit bunten Schirmchen. In der einen gibt es Lunchpakete für die Bahnfahrer, die andere wirbt um Touristen. Mitten in Lappland, 700 Kilometer nördlich von Stockholm und gut 2700 südlich vom Nordpol kann man "eine Nacht im Lappentippi", "Lassowerfen" oder "Beerenpflücken mit Ren- als Packtieren" buchen. Noch 20 Familien der Waldsami leben in Arvidsjaur von der Rentierzucht, Tendenz abnehmend.

Quietschend setzt sich der Schienenbus wieder in Bewegung. Den Wald im Nacken und im Angesicht,endlos, menschenleer. Erste Ermüdungserscheinungen nach neun Stunden Rattern. Die Passagiere sinken tiefer auf den harten Bänken. Das Betreuungsteam wechselt. Sarah, die neue Reisebegleiterin, verteilt Geduldspiele an die Kinder, die Turnübungen an den Gepäcknetzen aufgenommen haben. Der Fahrer drückt aufs Tempo, holt alles aus dem alten Diesel. Es gibt kaum noch Zwischenstopps. Die Durchsagen werden immer kürzer, die englische Fassung fällt ganz weg. "Nächster Halt: Storuman!" Der Ort in der Wildnis, der mit respekteinflößenden Lettern auf der Bahn wirbt und in dem der "Vildmannen, der größte Wilde der Welt" zu Hause ist. Die Zeit reicht nicht einmal für einen Besuch der sieben Meter hohen Skulptur. Sarah läßt ein Bildchen von dem Kerl rumgehen. Er ist wirklich riesenhaft, rothäutig, "für die unbändige Kraft der Lappländee", und goldknüppelbewehrt, "für den Reichtum" des Landes. Und er ist Geschichte, zumindest was den Reichtum der Region angeht.

Gen Süden mehren sich die Zeichen der Zivilisation: Straßen, Häuser, Siedlungen. Auf die kargen, steinbrockengefüllten Nadelwälder des Nordens folgen gänseblümchenbunte Wiesen, ein wahrhaft rauhweicher Landschaftskontrast. Nach fast 16 Stunden ratternder Reise durch den skandinavischen Dschungel erreicht der alte Schienenbus sein Ziel: Ostersund. Noch einmal, ewig munter, das langgezogene Hupsignal. "Top", streckt Sarah den Daumen zum Fahrer - nur 40 Minuten Verspätung. Die Passagiere sind erschöpft und glücklich, endlich anzukommen. Am Bahnsteig müssen sie sich zwischen zwei möglichen Formen der Weiterreise entscheiden: entweder auf der Strecke des "Nordpilen" (Nordpfeil) über Nacht nach Stockholm oder am nächsten Tag nach Mora in Mittelschweden, im knallorangen Dieseltriebwaggon ratternd, beim zweiten Akt von "Schwedens Transsibirischer Eisenbahn".

© DER STANDARD, 30. Juli 1999 Automatically processed by COMLAB NewsBench

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