Krebsausbreitung über die Lymphgefäße

27. Juni 2004, 15:00
posten

Wiener Wissenschafter sind an einem EU-geförderten Projekt zur Erforschung der Lymphsystem-Entstehung beteiligt

Wien - In den vergangenen Jahren wurde immer wieder vom Studium der Angiogenese von Krebstumoren als heißes Forschungsthema gesprochen. Doch wahrscheinlich spielen die Lymphgefäße eine viel größere Rolle bei der Ausbreitung einer solchen Erkrankung. Wiener Wissenschafter haben ein Protein entdeckt, das sie "Podoplanin" genannt haben. Sie haben damit einen Marker identifiziert, mit dem man Zellen der Lymphgefäße zielgenau entdecken kann. Dies erklärte jetzt Univ.-Prof. Dr. Dontscho Kerjaschki, Vorstand des Klinischen Instituts für Pathologie am Wiener AKH. Die Arbeiten bringen die Fachleute jetzt in ein Forschungsprojekt ein, das vom 6. EU-Rahmenprogramm gefördert wird.

Den Anfang machten Studien zur Erforschung bestimmter Nierenerkrankungen. Kerjaschki: "Dabei stießen wir auf dieses Podoplanin. Es hat etwas mit der Durchlässigkeit des Nierenfilters zu tun. Erst 1997, also einige Monate vor der Entdeckung von Podoplanin, wurde schließlich der erste Marker für Lymphgefäße identifiziert. Es handelt sich dabei um den so genannten VEGF R3-Rezeptor (Rezeptor für den Gefäßwachstumsfaktor VEGF, Anm.) Doch dieser ist nicht so spezifisch. Podoplanin findet sich hingegen im Gefäßsystem ausschließlich auf den Endothelzellen von Lymphgefäßen." Endothelzellen sind die innerste Schicht von Blut- in diesem Fall von Lymphgefäßen.

Mangelndes Wissen

Die Erforschung der Endothelzellen war in den vergangenen Jahren heißes Thema. Doch die Wissenschafter konzentrierten sich dabei vor allem auf die Endothelzellen von Blutgefäßen. Sie sind an der Einwanderung von Immunzellen in das umgebende Gewebe, an Entzündungen und an Wundheilung (Neusprießen von Gefäßen) beteiligt.

Das Manko aber ist im Wissen über die Lymphgefäße existent. Der Wiener Wissenschafter: "Über die Lymphgefäße weiß man eigentlich fast nichts. Dabei findet in ihnen ein Gegenstrom zu den Blutgefäßen statt."

Ausbreitung von Tumoren

Immunzellen (z.B. dendritische Zellen) wandern aus dem Blutstrom in das Gewebe ein, patrouillieren dort, nehmen Antigene auf und gelangen schließlich über die Lymphgefäße in die Lymphknoten, wo sie die Antigene zum Beispiel T-Zellen präsentieren. Kerjaschki: "Das hat auch etwas mit der Metastasierung von Krebsleiden zu tun. Heute weiß man, dass sich mehr als 90 Prozent der Tochtergeschwülste von Krebstumoren über die Lymphgefäße verbreiten."

Für das Verständnis über das Funktionieren des Immunsystems oder die Verbreitung von Krebszellen im Körper wären grundlegende Erkenntnisse darüber wichtig, wie Lymphgefäße und Lymphknoten entstehen. "Bewaffnet" mit dem von ihnen entdeckten Marker für Lymphendothelzellen nehmen die Wiener Wissenschafter um Univ.-Prof. Dr. Dontscho Kerjaschki daher an den Arbeiten einer Studiengruppe von elf Teams aus der EU und einem aus den USA teil, in denen solche Mechanismen mit Unterstützung von Geldern aus dem 6. Rahmenprogramm untersucht werden sollen. Es geht um die Lymphangiogenesis und die daran beteiligten Vorläuferzellen.

Prognose

Das könnte in Zukunft wesentliche Auswirkungen auf das Verständnis von Krebserkrankungen haben. Kerjaschki: "In Zusammenarbeit mit Univ-Prof. Dr. Hubert Pehamberger von der Universitätsklinik für Dermatologie am Wiener AKH und seiner Gruppe wurde gezeigt, dass die Dichte von Lymphgefäßen um Melanome herum der stärkste Vorhersagefaktor für eine frühe oder eine späte Metastasierung des Tumors ist." Tumordicke und andere Faktoren, die bisher für eine solche Prognosebildung heran gezogen wurden, sind offenbar weit nicht so aussagekräftig.

Kerjaschki: "Natürlich wäre es höchst wichtig, dass man in solche Prozesse wie die Bildung von Lymphgefäßen eingreifen könnte." Die im Rahmen des EU-Projektes gewonnenen Erkenntnisse sollen von der Wiener Wissenschaftergruppe auch für die Humanmedizin überprüft werden. Der Experte: "International geht man bei Modell-Untersuchungen von der Maus wieder verstärkt in humane Systeme." Der Unterschied zwischen Maus und Mensch ist im funktionierenden Organismus offenbar größer als dies die rein genetischen Unterschiede erscheinen lassen. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.