Am Strand regiert das nackte Grauen

1. Juli 2004, 13:50
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Brian Wilson, ehemaliger Kopf der Beach Boys, kämpft mit einem neuen Soloalbum gegen vergangene Tragödien

Brian Wilson, der tragische, verwirrte, aber genialische Kopf hinter den Beach Boys, veröffentlicht jetzt nach gut sieben Jahren ein neues Soloalbum - Gettin In Over My Head. Es ist das berührende Dokument eines lebenslangen Ringens um Erlösung von inneren Dämonen geworden.


Wien - Diese Musik erinnert uns mit ihren himmlischen Harmoniegesängen und in dulce jubilo aufgelösten Refrains daran, dass die scheinbar heiterste Form die größten Tragödien beherbergen kann.

Das Ringen um Unbeschwertheit, die Beschwörung einer von keiner Kumuluswolke getrübten Lebensfreude - für das alles stand in den frühen 60er-Jahren eine Band: die Beach Boys. Inklusive einer hymnischen wie vorwärts in die Zukunft oder zur nächsten schönen Surfwelle uneingeschränkt bejahend drängenden Musik, die selbst noch zeitgleich die Beatles als triste Melancholiker abqualifizierte. Dank den Beach Boys und Brian Wilson kam es damals zu Jahrhundertliedern wie California Girls und Good Vibrations oder Alben wie Surfin' U.S.A. oder Today!.

Wie man mit Einschränkungen auch noch auf Pet Sounds, einem gern zum besten Album aller Zeiten gewählten Werk aus 1966, und schließlich letztmals auf Surf's Up aus '71 hören kann, gilt dieser Sound einer ewig in züchtiger Badekleidung steckenden Weltjugend in Kalifornien noch immer als Definitionsmacht des immergrünen "Easy Going".

Bloß: Die traurige Wahrheit einer verpfuschten Jugend von Brian als ältestem und begabtestem Bruder des Familienunternehmens Carl, Dennis und Brian Wilson, Cousin Brian Love und Spielkamerad Al Jardine sowie vor allem dem gewalttätigen Managervater Murray konnte spätestens während der Arbeiten zum bis heute nicht veröffentlichten "Opus magnum", dem Album Smile, ab 1967 nicht mehr versteckt werden.

Mit dem Erfolg als Teeniestars hatten bei den Beach Boys auch die Drogen Einzug gehalten. Und der sensibelste und talentierteste aller Wilsons, das dickliche Wunderkind Brian, der nie an den Strand durfte, weil er daheim am Klavier vom Vater zum Erfolg geprügelt wurde, bis er schließlich auf einem Ohr taub wurde, er entdeckte nicht nur den Trost in der Musik.

Brian, das ewig große Kind mit der staunenden Verzweiflung im Blick, zerstörte über Jahre seine Persönlichkeit und sein Talent auch derart nachhaltig mit chemischen Hilfsmitteln, dass er jahrelang sein Bett nicht verließ und sich in Depressionen verlor.

Während zermürbender Therapien von Brian, der völligen Auslieferung an einen "Guru" und spärlichen Soloarbeiten - unter dem Motto, platte Sprüche aus Lebenshilfebüchern zu vertonen - verkamen die Beach Boys zum Nostalgie-Act. Sein Bruder Dennis war schon 1983 bei einem Segelunfall ertrunken. Bruder Carl folgte 1998. Er erlag einem Gehirntumor.

Leben im Jammertal

Ausgerechnet Brian, dem man nur wenig Chancen gab, alt zu werden, überlebte sie alle. 1995 veröffentlichte er neben dem Soundtrack zur Filmbiografie I Just Wasn't Made For These Times ausgerechnet mit jenem Mann, der ihn damals auf LSD brachte, dem Texter Van Dyke Parks, das würdige Orange Crate Art.

Rehabilitieren konnte sich Wilson ab 2000 aber vor allem mit der abgeklärten, wie aus der Zeit gefallenen Sichtung seiner klassischen Phase: Live At The Roxy Theatre und Pet Sounds Live führten ihn auf Tourneen zwar immer noch als tief verwirrten und traurigen Mann auch nach Europa. Spätestens aber mit der für Ende September angekündigten, erstmals offiziellen Veröffentlichung des Albums Smile dürfte Brian aber zumindest künstlerisch 30 Jahre Jammertal hinter sich lassen.

Dass er jetzt mit Gästen wie Elton John oder Paul McCartney auf dem Album Gettin In Over My Head offizielle Neueinspielungen alten, schon seit Jahren im Internet kursierenden Materials nachschiebt, was soll es?! Künstlerisch tief in den 60er-Jahren und in seinem eigenen kleinen Universum voller Schrecken verhaftet und dies mit jeder Menge Zuckerwatte überdeckend, erzählt uns hier der heute 62-jährige Monomane im vielleicht bewegendsten Song, Fairy Tale, davon, dass einmal ein Drache in seine Welt eingebrochen sei. Der habe ihn verwunschen und die Welt grau gemacht: Panik, Verzweiflung, grausame Torturen. Dann aber sei der strahlende Ritter gekommen und habe seine Seele befreit.

Therapien mögen oft das Überleben möglich machen. Vom Leben selbst ist hier weniger die Rede. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2004)

Von
Christian Schachinger

  • Brian Wilson, das ewige traurige Kind der glückseligen 60er-Jahre in Kalifornien, versucht auf seinem neuen Soloalbum alte Dämonen auszutreiben.
    foto: warner

    Brian Wilson, das ewige traurige Kind der glückseligen 60er-Jahre in Kalifornien, versucht auf seinem neuen Soloalbum alte Dämonen auszutreiben.

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