Das Kabinenmoped im Herz-Jesu-Viertel

26. März 2005, 23:03
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Ansturm auf die liebevolle Grazer Spielfilm-Doku "Sechs Tage und die Mopedfrau"

Graz - Obwohl die Fußballwelt ihren Blick dieser Tage nach Portugal richtet, dachten zwei prominente Trainer mit österreichischer Vergangenheit letzte Woche intensiv an die 65-jährige Gertrude Weingrill, die in Graz einen Feinkostladen betreibt. Ivica Osim, ehemals als Trainer des SK Sturm in Graz zu Hause, schrieb eine Karte aus Japan an Weingrills Gatten, wobei er mit "Grüße an die Filmdiva" schloss. Otto Baric, bis vor kurzem noch Trainer der kroatischen Nationalmannschaft, rief eigens aus Portugal an, um Herrn Weingrill, der ein Landsmann von Baric ist, zu gratulieren: "Deine Frau ist ein Weltstar!"

Was war geschehen? Vorerst nur, dass ORF-Steiermark-Moderator Alfred Schwarzenberger Lust bekam, einen Low-Budget-Film zu drehen. Eine Spielfilmdokumentation über das Grazer Herz-Jesu-Viertel, ein Gründerzeit-Grätzel, das zwischen Innenstadt und Universitätsviertel liegt und eine der beliebtesten Wohngegenden ist.

Knapp zwei Wochen nach der Premiere von "Sechs Tage und die Mopedfrau" blickt man auf 20 ausverkaufte Vorstellungen zurück. Auch alle kommenden sind bereits reserviert. Pro Kopie zählt man in Graz mehr Besucher als beim aktuellen "Harry Potter". Auch wenn der Film im kleinen Programmkino Rechbauer direkt im Grätzel spielt, ist das allein noch kein Grund für den Ansturm. Die Episoden, die 2003 an sechs Tagen von sieben Protagonisten erlebt wurden, funktionieren nach dem Prinzip "Think global, act local" überall.

Die Mopedfrau schlittert mit ihrem eigentümlichen Kabinenmoped durch die engen Gassen des Viertels und wird von einer ebenso schnittigen Kamera von Wolfgang Rauch begleitet. In "ihrem Viertel" erklimmt der Messner der Herz-Jesu-Kirche 249 Stufen, um eine Glühbirne zu wechseln, eine dem Kitsch frönende Frau wartet in ihrer Kellerwohnung mit ihrem Hund auf Besuch, ein Schrebergärtner lässt sein Häuschen mit einem Kran versetzen und ein Herrenschneider der alten Schule plaudert aus dem Nähkästchen. Wer dabei an Elizabeth T. Spira denkt, liegt leicht daneben. Der Blick Schwarzenbergers ist weniger entblößend, dafür liebevoller und mindestens so amüsant. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2004)

Von
Colette M. Schmidt

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