"Der Fluchtweg birgt Gewalt"

22. Juli 2004, 10:41
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Psychologin Doris Seitschek spricht im dieStandard.at-Interview über den Alltag im Traiskirchner "Haus der Frauen"

Seit Dezember 2003 hat die Erstaufnahmestelle Traiskirchen ein "Haus der Frauen" für alleinstehende oder alleinerziehende Asylwerberinnen. Am 23. Juni wurde es durch Innenminister Strasser feierlich eröffnet (dieStandard.at berichtete). Psychologin Doris Seitschek ist eine der acht Mitarbeiterinnen – im Interview spricht sie über Sorgen und Probleme der Asylwerberinnen, wie das "Haus der Frauen" sie unterstützen kann und was zu wünschen übrig bleibt.

dieStandard.at: Seit Dezember 2003 ist das "Haus der Frauen" nun in Betrieb – was hat sich für weibliche Asylwerber dadurch verbessert?

Doris Seitschek: Das "Haus der Frauen" für Asylwerberinnen ist in Österreich bis jetzt einzigartig – es gab bis jetzt keine Einrichtung für Frauen, die alleine an unsere Grenzen kommen. Es wäre toll, wenn es bald mehr davon geben würde, auch für jene Frauen, die dann hier bleiben. Die brauchen auch oft Betreuung, werden aber nicht bemerkt. Nur, weil sie ruhig sind, heißt das aber nicht, dass es ihnen gut geht. Bis jetzt hat jedenfalls niemand die spezielle Situation von Asylwerberinnen wirklich bedacht. Jetzt haben sie eine Betreuung, die auf ihre besonderen Bedürfnisse eingeht, sie werden nur von Frauen betreut und beraten. Und sie sind hier rund um die Uhr geschützt.

dieStandard.at: Welche sind die besonderen Bedürfnisse von Asylwerberinnen?

Doris Seitschek: Ganz wichtig ist, dass sie hier – oft zum ersten Mal seit langem – wieder ein subjektives Gefühl von Sicherheit bekommen. Deshalb werden sie hier auch ausschließlich von weiblichen Mitarbeitern betreut. Viele Frauen, die zu uns kommen, haben zuvor Gewalt erlebt, entweder am eigenen Leib oder beobachtet, in der Heimat noch oder auf der Flucht. Der Fluchtweg einer alleinstehenden Frau kann sehr oft Gewalterfahrungen mitbringen und auch in Flüchtlingslagern setzt sich die Gewalt oft fort.

Viele Frauen haben außerdem einen kulturellen Hintergrund, von dem sie nicht gewohnt sind, selbstständig zu agieren, wo die Männer für alles zuständig waren oder Aufgaben geteilt wurden. Auf der Flucht sind sie dann plötzlich erstmals damit konfrontiert, eigene Entscheidungen treffen zu müssen und für alles, was passiert, alleine Verantwortung zu übernehmen, oft auch noch für ihre Kinder. Und das in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen und wo der Aufenthalt und ihre Zukunft ungewiss sind.

dieStandard.at: Was sind häufige Gründe für die Flucht aus der Heimat?

Doris Seitschek: Manche Frauen kommen aus Kriegsgebieten wie Tschetschenien, ihre Männer kamen ums Leben und sie entschlossen sich zur Flucht, teils zum Schutz ihrer Kinder. Bei anderen Frauen sind die Männer schon früher geflohen, oder untergetaucht, weil sie im eigenen Land verfolgt wurden. Dann wird angenommen, dass die Frauen wissen, wo ihre Männer sich versteckt halten, sie werden unter Druck gesetzt, bedroht, erpresst oder angegriffen und flüchten deshalb.

Wieder andere sind hier, weil ihre Männer in Schubhaft genommen wurden. Manche flüchten auch aus privaten Gründen, manche vor ihren Mänenrn oder weil sie vergewaltigt wurden, oder sie kommen, weil sie ihrem Mann oder ihrer Familie in ein anderes Land nachreisen wollen. Manche kommen alleine, manche mit dem Mann, manche mit dem Flugzeug, andere mit Schleppern.

dieStandard.at: Mit welchen Erwartungen kommen die Frauen nach Österreich?

Doris Seitschek: Mit teilweise überzogenen: Manche erwarten sich hier viel mehr. Im Heimatland wird ihnen gesagt:'Fahrt nach Europa, dort warten die Leute auf euch!' Und manchmal wird dort auch bewusst das falsche Gerücht verbreitet, dass es in Österreich Arbeit und Wohlstand für sie gibt, vielleicht um die Menschen loszuwerden. Und dann sind sie mehr als enttäuscht, wenn das nicht zutrifft. Selbst wenn sie einen positiven Asylbescheid bekommen, merken sie nach der Anfangseuphorie schnell, dass es schwerer ist, sich hier eine Existenz aufzubauen, als sie dachten. Auch wenn sie sehr gute Qualifikationen mitbringen heißt das ja schließlich noch nicht, dass sie auch Arbeit bekommen.

dieStandard.at: Was können sie in der Erstintervention für Asylwerberinnen tun?

Doris Seitschek: Zunächst erhaltendie Frauen einmal alle für sie wichtigen Infos – was in den nächsten Tagen passieren wird, wohin sie sich wenden müssen. Unsere muttersprachlichen Mitarbeiterinnen informieren sie über die bürokratischen Schritte des Asylantrags, achten darauf, dass sie alles richtig verstehen, begleiten sie manchmal auf Amtswegen, rufen für sie an. Wenn es gesundheitliche Probleme gibt, stellen wir die Kontakte zu ÄrztInnen und Spitälern her und begleiten sie mit DolmetscherInnen.

In der Rechtsberatung werden sie auf die Interviews für die Asylansuche vorbereitet: Sie können das bisher Erlebte in Ruhe rekapitulieren, eine Struktur hineinbringen, damit sie es dann beim Interview klarer wiedergeben können. Ich möchte aber betonen, dass es dabei überhaupt nicht um Manipulation oder das Verdrehen von Tatsachen geht, um das Verfahren zu beeinflussen – die Frauen sollen nur ihre Gedanken ordnen und den Ablauf parat haben, um sich beim Gespräch sicherer zu fühlen.

dieStandard.at: Und die psychologische Betreuung?

Doris Seitschek: Die braucht vor allem Vertrauen und Zeit und Überzeugungsarbeit, sie wird aber dann sehr gut angenommen. Schwierig wird es vor allem, wenn die Frauen von heute auf morgen von hier in eine andere Unterkunft transferiert werden. Ich habe deshalb nun ausverhandelt, dass die Frauen, die in psychologischer Betreuung sind, nur nach Rücksprache mit mir transferiert werden, denn sonst hat das wenig Sinn.

dieStandard.at: Worunter leiden die Frauen?

Doris Seitschek: Viele haben Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, beim Erzählen gibt es Erinnerungslücken, Zeitstörungen und Blackouts – all das sind Zeichen starker psychischer Belastung. Wir arbeiten auch mit Fachärzten zusammen, zum Beispiel mit dem Psychosozialen Dienst in Baden, um den psychischen Zustand der Frauen zu stabilisieren. Einmal pro Woche biete ich außerdem eine Entspannunsgruppe an. Meist hilft es den Frauen schon, nur zu reden, das Erlebte einfach einmal loszuwerden und zu wissen, dass Schlafstörungen nach solchen Erlebnissen etwas Normales sind, dass sie keine Angst haben müssen, verrückt zu werden.

dieStandard.at: Wie gehen sie selbst als Betreuerin mit den Belastungen, die ihre Beruf mit sich bringt,um?

Doris Seitschek: Ich tausche mich aus mit anderen und habe Supervision. Gewisse Dinge muss man auch lernen, einfach zu akzeptieren. Besonders bürokratische Hürden sind oft schwer, hinzunehmen. Und man darf sich angesichts der vielen von Menschen gemachten Probleme nicht in eine Hilflosigkeit begeben - man muss ressourcenorientiert arbeiten und jeden kleinsten positiven Aspekt, der da ist, aufnehmen und damit weiterarbeiten.

dieStandard.at: Finden die Frauen im Haus rasch Anschluss?

Doris Seitschek: Ja, es bilden sich sehr schnell Netzwerke und Freundschaften, vor allem zwischen Frauen aus demselben Kulturkreis.

dieStandard.at: Wie sieht der Alltag aus, was können die Frauen tun?

Doris Seitschek: Neben den Beratungen bieten wir Deutschkurse an, einmal pro Woche eine Entspannungs- und Turngruppe. Wir gehen mit den Frauen und Kindern manchmal hinaus, machen Ausflüge, besuchen kulturelle Events. Es ist sehr wichtig, dass sie sehen, dass es trotz der schlimmen Sachen auch noch etwas Schönes gibt.

dieStandard.at: Und im Haus selbst?

Doris Seitschek: Dort haben sie seit kurzem ein Aufenthaltszimmer, dass wir uns aber immer neu erkämpfen müssen. Wir müssen es immer wieder räumen, weil Betten hineingestellt werden. Dabei ist das sehr wichtig, dass die Frauen auch aus ihren Zimmern raus können.

dieStandard.at: Wie sehen diese aus?

Doris Seitschek: Wir haben drei Stockwerke. Es gibt kleinere Zimmer für die Frauen mit Kleinkindern und größere Räume für derzeit sechs bis acht Frauen. Und das ist immer noch viel, aber weit besser als in den bisherigen großen Schlafsälen, die sie sich mit Männern teilen mussten. Derzeit sind 182 Frauen hier und das Haus ist für 90 bis 100 konzipiert, da geht es leider nicht anders. Auch ein Kinderzimmer haben wir erkämpft. Die Kinder werden am Vormittag von einem Zivildiener betreut, der ihnen Deutschunterricht gibt und am Nachmittag von Frauen aus dem Haus, die sich dadurch ihr Taschengeld aufbessern.

dieStandard.at: Welchen Wunsch haben sie für die Zukunft des Hauses der Frauen?

Doris Seitschek: Ich wünsche mir, dass den Frauen die Handlungsmöglichkeiten zurückgegeben werden, die sie zuhause hatten. Das beginnt bei Kleinigkeiten wie beim Kochen. Wenn sie eine Küche haben, wo sie selbst ihre Nationalgerichte kochen können, selbst einen Speiseplan erstellen können, dann bringt ihnen das ein Stück Kultur, Strukrur und Lebensalltag zurück. Das erscheint eine unwichtige Kleinigkeit, macht aber sehr viel aus. Aber das braucht Geld, Raum und eine Genehmigung.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass die ÖsterreicherInnen ein anderes Bild von den Asylwerberinnen bekommen, weil das sehr negativ besetzt ist. Es wäre schön, wenn es da mehr Austausch zwischen ihnen und der Bevölkerung gäbe. Themenabende, wo die Frauen ihre Kulturen präsentieren könnten und die ÖsterreicherInnen dazu einladen, wären eine Möglichkeit. Das würde das Stimmungsbild verändern, weil es plötzlich nicht mehr nur Asylanten sind, sondern die persönlichen Schicksale in den Vordergrund treten.

Das Interview führte Isabella Lechner.

Traiskirchen eröffnet das "Haus der Frauen"

LINK:
SOS-Menschenrechte

Traiskirchen eröffnet das "Haus der Frauen"

SACHSPENDEN ERBETEN -
Das "Haus der Frauen" nimmt dankbar Frauen- und Kinderbekleidung sowie Kindermöbel entgegen. Genauere Infos erteilt SOS-Menschenrechte, Tel. 0732/777 404

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    Bis Asylwerberinnen an unseren Grenzen landen, haben sie einen langen, oft mit Gewalt gestreuten Fluchtweg hinter sich.
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