Napfschnecken am Ende der Welt

13. Mai 2005, 13:19
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Ein Besuch in Ponta do Pargo, am Westzipfel Madeiras, bei einem Aussteiger und an der steilen Westküste

Der alte Taxista am Flughafen mag es kaum glauben: Nach Ponta do Pargo? "Esta a fim da ilha" - das liegt doch am Ende der Insel. Es klingt, als wolle er sagen: am Ende der Welt. Und irgendwie kommt er damit dem Ganzen recht nahe. Gut eineinhalb Autostunden westlich von Funchal ist Madeira tatsächlich zu Ende. Und noch in einem Zustand, als sei die Zeit ein paar Jahre stehen geblieben. Eine einzige schmale, kurvige Straße führt in diesen abgelegenen Inselzipfel, hüfthoch gesäumt von blauvioletten und weißen Köpfen der afrikanischen Liebesblume. Eukalyptus duftet, und auf den steil ins Meer fallenden Landzungen raschelt zwischen Pinien ein kräftiger Wind.

Die Menschen sind wortkarg und sparsam mit Gesten. Man sieht sie noch oft mit der Sichel, die sie ansonsten locker über die Schulter hängen oder gar um den Hals, Gras und Farn schneiden für den Bodenbelag ihrer Kuh- und Ziegenställe und die gigantischen Pflanzenbündel auf dem Kopf transportieren. Auch Mehlsäcke und andere kleinen Lasten balancieren sie geschickt auf ihren Häuptern. Deutlich unterscheidet sich das Landschaftsbild in der Region um Ponta do Pargo vom Rest Madeiras. Ein Eindruck von Weite kommt auf, Taleinschnitte und Terrassenfelder zeigen sich großzügiger als anderswo. Kühe und Ziegen weiden, die Bauern können sogar kleine Traktoren einsetzen, um ihre Ackerflecken zu bewirtschaften. Die Ausbeute dabei ist vergleichsweise vielfältig und groß. Es werden Zwiebeln angebaut, Karotten, Kürbisse, Weizen und Wein. So manche Familie kultiviert auch Maracujas, Baumtomaten, Zitronen, Orangen, Birnen und Pflaumen sowie die berühmten peros de Ponta do Pargo, eine kleine grünrote Apfelsorte, der zu Ehren alljährlich im September ein großes Fest ausgerichtet wird. Viele der Felder liegen allerdings inzwischen brach, und so manches alte Bauernhaus verfällt.

In allen sechs Dörfern des Gemeindebezirks Ponta do Pargo findet man einige der verfallenen, basaltsteingrauen oder rosé getünchten Anwesen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert mit ihren Sitzmäuerchen am Eingang und den rustikalen Dielenböden. Die Eigentümer sind tot oder ausgewandert; niemand kümmert sich um einst schmucke Gebäude. Auch die alte Schule von Ribeira da Vaca stand viele Jahre leer. Heute aber kuscheln sich beide Gebäudeteile sorgfältig restauriert an den sonnigen Hang. Eine rote Kinderschaukel baumelt noch immer zwischen ihren zwei dünnen Eisenschenkeln, Wein rankt am Schuldach, hinten ein gepflegter Küchen-Garten. Gut zwei Jahre hat Willy van Sompel an dieser Idylle gewerkelt. "O Belga" wie die Einheimischen ihn nennen, stammt aus Gent, lebte in Brüssel und New York, war ein international gefragter Künstler. Irgendwann hatte der heute 51-Jährige jedoch von dem ganzen offiziellen Kunstbetrieb genug. Nun lebt er fern aller Galeristen und Ausstellungsmacher zwischen seinen Weinstöcken und Gemüsebeeten. Das Malen freilich kann er doch nicht lassen. Für die Kirche von Ponta da Pargo malte er in monatelanger Arbeit einen neuen Gewölbehimmel - mit Szenen aus der unmittelbaren Umgebung. Auch die Dorfbewohner kommen oft mit Bilderwünschen: ein Porträt ihrer Kinder oder der Liebsten, die Ansicht der Landschaft.

Vor allem der "farol", der Leuchtturm, wird immer wieder als Motiv gewünscht. Das weiß-rote Signalgebäude der Rocha da Vigia wurde 1922 eingeweiht. Es ist die einzige Attraktion von Ponta da Pargo. Vom asphaltierten Platz an seinem Fuß und der breiten Klippe davor bietet sich ein grandioser Blick auf die Küste. An ihrem Saum liegen schmale Kiesstrände, die aber nur unter größten Mühen zugänglich sind. Die Einheimischen steigen mitunter hinab, um "lapas" zu sammeln, Napfschnecken (Schnecken mit napfförmigem Haus), die auf einem geriffelten Eisenteller mit einer Sauce aus Butter und Knoblauch serviert werden. Früher gab es an mehreren Stellen der steilen Westküste einfache Transportlifte. Mit diesen "teleféricos" brachte man Vieh und Ackererzeugnisse hinunter zu den Booten, auf denen sie per Seeweg nach Funchal gelangten. Eine Verbindung über Land zur Hauptstadt existierte damals nicht; die heutige Strasse wurde erst 1950 gebaut. In den Küsten-Felsen lassen sich bis heute Höhlen entdecken, in denen einst Waren aufbewahrt wurden.

Oberhalb des "farol" staffelt sich Ponta da Pargo mit seinen zwei kleinen Restaurants, vier Ladenbars und der Kirche. Der rechteckige Platz vor dem Gotteshaus, den vom steten Wind gebeugte Eichen säumen und eine schöne große, gelb blühende Acácia Draco akzentuiert, diente übrigens einst als Friedhof. Heute stellt man hier zu den diversen Dorffesten Buden und Musikpodien auf. Am Tag des Heiligen Antonio (4. September) geht es besonders eindrucksvoll zu. Dann werden auf dem Kirchplatz die "ofertas" abgeliefert, die Heiligenspenden. Alle Gemeinden des Bezirks erhalten von den Einwohnern Gestecke mit Blumen, an denen Geldscheine befestigt sind. Meist handelt es sich bei den Spendern um wohlhabende Emigranten. Sie dekorieren das Heiligenbild gerne nicht nur mit mehreren tausend oder gar zehntausend Escudos, sondern zudem mit Bolivar-, Dollar- oder Randnoten, den Währungen ihrer jeweiligen Wahlheimat. Auch Zwiebelzöpfe, gigantische Kürbisse, Kuchen, Whisky, Lorbeeröl, lebende Hasen oder eine Art Landschaftskrippe zählen zu den Gaben, die von einer Abordnung des jeweiligen Dorfes auf dem Kopf zu den eigens am Kirchplatz errichteten Lorbeerzweigbuden gebracht und dort ausgestellt werden.

Auch eine Ziegenversteigerung gehört zum Ritual, der Gewinner des Bietduells gibt das Tier wieder zurück, um es erneut zu versteigern (der Erlös kommt der Kirche zugute). An solchen Tagen scheint Funchal tatsächlich nicht nur 80 Kilometer, sondern Lichtjahre entfernt. Am anderen Ende der Welt sozusagen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2000)

Von Rita Henß
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