Eine amouröse Botschaft im Postkasterl!

1. Juli 2004, 13:44
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Komme ich neulich aus der Bristol-Bar, wo ich mich grade mit großem Ernst einer heiligen Opferhandlung hingegeben hatte, nämlich der rückstandslosen Vernichtung der Kinderbeihilfe, öffne ich das Postkasterl und finde eine amouröse Botschaft!

Ja, da ist man doch sofort wieder klar im Kopf. Die rückstandslose Vernichtung der Kinderbeihilfe ist nämlich eine nicht ungefährliche Sache. Am einfachsten macht man es sich mit einem Fläschchen Roederer Cristall, da kommt nur ein gut gelauntes Gefühl, wie immer, wenn man weiß, dass man etwas im Einklang mit den Göttern erledigt hat. Manchmal jedoch glaubt man, man müsse durcheinander trinken.

Denn die Kinderbeihilfe, jene groß angelegte staatliche Kastration der Söhne unseres Landes, muss vernichtet werden, und sei es um den Preis einer mittelschweren Gastritis. Ist das nicht schön gesagt? Sollte ich vielleicht eine Karriere als Ghostwriter für Zeltprediger anstreben? Zeltprediger werden immer gebraucht, und ihr sprachliches Niveau ist sicher immer verbesserbar, wobei wir schon wieder bei meinem Liebesbrief wären.

Er kam vom Museum für angewandte Kunst in Wien, kurz MAK genannt und zeigte eine erotische Fotografie einer hingebreiteten Dame. Ach, dachte ich, das MAK, immer wieder überraschend. Will man jetzt zwischen Alessi-Kessel und Thonet-Stühlchen eine Porno-Abteilung einrichten? Pornographie ist ja so etwas Ähnliches wie der Alessi-Kessel. Nicht jeder mag es, aber man ist davon umzingelt. Der Alessi-Kessel war ja eine Zeit lang in jedem Haushalt anzutreffen. Wer sich keinen kaufte, bekam ihn geschenkt. Erotische Darstellungen sind genauso unausweichlich. Dr. P. erzählt, es gibt sie jetzt schon aufs Mobiltelefon. Ja, so sind sie, die Leute: Überall wird der Eros verzwergt, jetzt sogar auf ein zwei mal drei Inch-Display.

Das MAK will nun die Darstellung der Fortpflanzungsorgane als Volkskunst wahrnehmen und eine Ausstellung damit machen und Evi, so der Name der erotischen Künstlerin, sieht nicht unlecker aus. Aber Schreck! Auf der Rückseite der Einladung steht: "radikal gesellschaftskritische Gegenposition zur herkömmlichen Präsentation weiblicher Nacktheit". Was soll denn das schon wieder! Hat sich da ein moralinsaurer Zeltprediger in die Kuratorenriege des MAK eingeschlichen? Bloß weil Evi besser aussieht als manches Palmers-Modell, muss man sie doch nicht gleich zur Heuchelei benutzen. Gut, sie macht ihre Leibesübung auf einem Kunstkatalog, und neben ihr steht ein Buddha aus der Volkskunst-Sammlung, aber das ist schon alles an Gegenposition. Und dieser Satz ist echt unnötiges Ornament, eine Beleidigung der Urteilskraft und somit nicht weit vom Verbrechen, wie Adolf Loos sagen würde.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/25/6/2004)

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