"Unfreiwillig ausgegrenzt"

15. Dezember 2004, 18:30
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Am Sigmund Freud-Gymnasium ist Integration nicht nur graue Unterrichtstheorie. Das Schulprojekt "Unfreiwillig ausgegrenzt" wurde nun mit der WBS-Trophy 2004 ausgezeichnet. Mit Ansichtssache

"Charlie" heißt der Obdachlose, "Hannelore" die Alte und "Birgit" die Behinderte, nur der Flüchtling, der hat keinen Namen. Selbst als sozialpolitisches Kunstwerk bleibt der "Flüchtling" anonym. Ausstellungsraum ist in diesem Fall eine Schule, Ausstellungsmacher SchülerInnen und Schüler des Sigmund Freud-Gymnasiums im 2. Wiener Gemeindebezirk. "Charlie" und Co verkörpern als Ausstellungsstücke vier Gruppen am Rande der Gesellschaft. Mahnmale am Schulflur.

Soziales Engagement

"Unfreiwillig ausgegrenzt" nennt sich das groß angelegte Projekt des Bundesgymnasiums, bei dem sich die gesamte Schule mit Unterstützung ihrer LehrerInnenschaft beteiligte. Benachteiligte Gesellschaftsgruppen über soziale, religiöse, kulturelle, psychische und physische Schranken hinweg in den persönlichen Alltag einzubeziehen, war und ist das Anliegen des einjährigen Projektes. Kern der Sache: gemeinschaftlichen Unternehmungen mit gleichaltrigen Behinderten aus der Hans Radl-Schule, mit Flüchtlingen vom Evangelischen Flüchtlingswerk, mit Obdachlosen aus der "Gruft" etc..
Soziales Engagement hat am multikulturellen SFG Tradition. Weihnachtliche Spendenaktionen für die Obdachlosen der "Gruft" oder regelmäßige Essen im "Evangelischen Flüchtlingswerk" sind für die SchülerInnen längst mehr als lästige Schulpflicht. Doch "Unfreiwillig ausgegrenzt" sprengte die Grenzen sowohl hinsichtlich Projektdimension als auch TeilnehmerInnen.

Anders und gleich

Das intensivste der unzähligen Einzelprojekte war wohl der gemeinsame Schikurs mit der Hans Radl-Schule. "Eigentlich wollten wir lieber mit einer anderen Schule fahren", erzählt Carolina aus der 2a. "Aber wir sind schnell draufgekommen, dass die eh alle ganz normal sind und dann war es wirklich lustig." Gemeinsamer Winterspaß, der zu Freundschaften führte. "Wir haben Telefonnummern ausgetauscht und beim Abschied geheult". Ein Abschied, der nur kurzfristig war, denn die Hans Radl-Schule ist mittlerweile gern gesehener Gast bei Fußballturnieren, Wandertagen, Workshops und Theateraufführungen.

Faszination Kultur

Genauso wie das islamische Gymnasium, das erst kürzlich eine Oberstufenklasse des SFG wieder zum Gedankenaustausch lud. "Wir haben uns den Film "Osama" angeschaut und über die Situation der Frauen im Islam diskutiert." Fasziniert war Natasa aber vor allem von Vortrag einer Koransure: "Genial, wie der Sänger fast in Trance verfallen ist."

Auseinandersetzung

"Uns war die Auseinandersetzung der SchülerInnen mit Gleichaltrigen, die "anders" sind ein großes Anliegen. Und es ist wirklich gelungen, falsche oder unreflektierte Bilder auf beiden Seiten zurecht zu rücken und Ängste abzubauen", zieht Lehrer Wolfram Offterdinger Bilanz.
Nebenbei wurden auf Veranstaltungen und gemeinsamen Festen Spenden für die sozialen Organisationen wie "Gruft" und "Flüchtlingswerk" gesammelt. 4000 Euro befinden sich bereits im Spendentopf, ergänzt wird dieser Betrag von den 1500 Euro Preisgeld, die das SFG im Herbst bei der Verleihung der WBS-Trophy entgegen nehmen wird (WBS = Wiener Gesellschaft für Bildungspolitik und Schulmanagement).

Abschluss, aber kein Ende

Alles in allem ein Grund zum Feiern und so begeht das SFG gemeinsam mit seinen neuen Freunden und Bekannten zum Ende des Schuljahres ein großes Fest. Mit behindertengerechten Spielen, multikulturellen Theateraufführungen, Konzerten und Tanzvorführungen.
Nur eine von vielen noch kommenden Gelegenheiten, Freundschaften zu intensivieren und Kontakte zu pflegen. Denn das Ende des Projektes soll noch lange nicht das Ende der gemeinsamen Aktionen sein. (mhe)

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    foto: sfg
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