Die Dinge machen die Witze

19. Juli 2004, 14:13
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Die Viennale veranstaltet zwischen 25. 6. und 4. 7. im Wiener Gartenbaukino ein kleines Festival mit Filmen von Jacques Tati

Leicht nach vorne gebeugt, als habe er ständig Gegenwind, stakst Monsieur Hulot durch eine Welt, die aus lauter Ablenkungen und Hindernissen besteht. Kleine Katastrophen, die er oft selbst auslöst, nehmen ihren Lauf, aber auch die anderen Personen taumeln von einer absurden Situation in die nächste. Die Filme des französischen Komikers Jacques Tati, in deren Zentrum der von ihm gespielte Hulot herumgeschubst wird wie eine Billardkugel, sind Massenchoreografien des modernen Lebens. So aufwändig, als wären sie aus Hollywood, und gleichzeitig kompromisslos streng wie ein Experimentalfilm. Wer die Gelegenheit hat, die Retrospektive im Wiener Gartenbaukino zu besuchen, das selbst eine Tati-Kulisse aus dem Film "Playtime" (1967) sein könnte, wird sich wundern, wie sehr sich das Kino seither verändert hat, denn solche Mischformen von Kommerz und Avantgarde wären heute undenkbar.

Auch Tati führten sie an den Rande des Ruins. Für "Playtime" ließ er in Paris, in Sichtweite des neuen Büroviertels La Défense, die Filmstadt "Tativille" errichten, mit der er das Versprechen eines "neuen Paris" beim Wort nahm. Die Kulissen der neuen Stahl- und Glasarchitektur, die Filmtechnik im 70-Millimeter-Format und schließlich eine Drehzeit von drei Jahren machten den Film auf Jahrzehnte zur teuersten je in Frankreich entstandenen Produktion. Jacques Tati schien es sich leisten zu können, war doch "Mon Oncle" (1959) mit dem Oskar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet worden, und die Filmwelt wartete mit Spannung auf das nächste Werk. Aber "Playtime" spielte die Ausgaben nicht wieder ein, zumal der Film nur in Kinos gezeigt werden durfte, die den Stereoton wiedergeben konnten.

Nicht nur bei "Playtime" nimmt die Tonspur eine tragende Rolle ein, obwohl in den Filmen Tatis kaum gesprochen wird. Die wichtigsten Nebendarsteller können ja auch gar nicht reden, sie geben nur Geräusche von sich, denn es sind Dinge, nicht Menschen. Tatis Witz entzündet sich an Gegenständen, er entsteht in Szenerien, in denen der exzentrische Kellner genauso komisch ist wie das quietschende Geräusch einer Schwingtür. In den "Ferien des Monsieur Hulot" (1953) ist die Dingwelt am Badeort einigermaßen intakt, sie wird nur gelegentlich fehlinterpretiert, wie etwa von dem Friedhofsgärtner, der einen von Hulot abgelegten Autoreifen nimmt und als Blumenkranz an einen Sarg hängt, wo er beim Begräbnis schlaff wird.

In "Mon Oncle" hingegen nimmt Tati ein Thema auf, das er bereits in "Tatis Schützenfest" (1949) anklingen ließ: die Veränderungen, die das moderne Leben über die Menschen bringt. Der Onkel ist Monsieur Hulot, ein Arbeitsloser, der in einer französischen Kleinstadt in einem verschachtelten Altbau wohnt. Sein Schwager hingegen lebt mit Frau und Kind im modernen Teil des Städtchens und besitzt ein Haus, das mit allen technischen Finessen ausgestattet ist. Steaks werden automatisch gewendet, und die Fenster sind motorgesteuert, was der Familie in Verbindung mit der Alarmanlage irgendwann zum Verhängnis werden wird. Hulot versucht, sich in dieser Designerwelt voll merkwürdiger Sesselskulpturen zurechtzufinden, aber er verwechselt die runden Steinplatten auf dem Rasen mit den Seerosen im Teich und fällt hinein. Ständig summt, quietscht und gurgelt es in diesem Haus, dessen Bewohner sich nur mit englischen oder französischen Satzfetzen unterhalten.

Dieser Geräusch- und Sprachmix, bei dem das Englische für die moderne Welt steht, wird in "Playtime" noch gesteigert. Paris ist durch eine moderne Skyline aus gleichförmigen Hochhäusern ersetzt worden. Dort irrt Hulot herum, der wieder einmal einen Job zu suchen scheint. Einmal folgt die Kamera ihm, einmal schließt sie sich einer amerikanischen Touristengruppe an, die immer nur für Sekundenbruchteile irritiert ist, wenn Triumphbogen und Eiffelturm als Spiegelungen beim Öffnen der allgegenwärtigen Glastüren aufblitzen. Wo immer diese auch stehen mögen, das Leben spielt sich ausschließlich zwischen Rasterfassaden und in Großraumbüros ab, in chromblitzenden Restaurants und auf Verkaufsmessen.

Hulot ist auch hier ein Mann ohne Eigenschaften, hin- und hergewirbelt von den Widrigkeiten der modernen Dingwelt. Als er der Amerikanerin, die ihm der Zufall als Love-Interest zuspielt, zur Erinnerung etwas schenken will, bleibt er vor der Kasse an einer Drehschranke hängen und verpasst den Abschied.

Aber "Playtime" zeigt auch eine lange Szene voller Hoffnung. In einem neu eröffneten Lokal, in das sich auch Hulot verirren wird, zerbröselt im Laufe des Abends das Designermobiliar. Doch die Gäste sind nicht gewillt, sich von überforderten Kellnern und einer herabstürzenden Decke den Spaß verderben zu lassen. Während alles immer chaotischer wird, feiern die Menschen immer ausgelassener. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2004)

Von Oliver Elser

Information:

Das Programm der Tati-Retrospektive (25. 6.-4. 7.) ist auf viennale.at zu finden,

Reservierungen nimmt das Gartenbaukino (gartenbaukino.at) unter der Nummer 512 23 54 entgegen.

  • "Trafic" - Hulots letzte Fahrt (1971) wird zu einer langen, komischen Odyssee ans Ende der Technik
    foto: viennale

    "Trafic" - Hulots letzte Fahrt (1971) wird zu einer langen, komischen Odyssee ans Ende der Technik

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