Muttis liebster böser Junge

1. Juli 2004, 13:50
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Der Berliner Sido liefert die deutsche Entsprechung zu Gangsta-Rap: "Geld, Sex, Gewalt und Drogen!" Die pubertäre Zielgruppe freut sich wie ein Einser

Bei Mama gab es früher zwar "schon mal auf die Fresse, doch nur weil sie mich liebt und ich hatte es verdient". Gut zehn Jahre später rappt der heute 23-jährige Berliner aus dem Plattenbau allerdings mit Mama ist stolz trotzdem ein Loblied auf die beste unter sonst nur schlechten Frauen dieser Welt: "Ich weiß, wenn ich alt bin und Mama noch älter, hält sie immer noch zu mir als wär sie mein Zuhälter. Ich bin nicht der Mann, der sie wollte, dass ich werde, doch Mama steht hinter mir, solange, bis ich sterbe." Um jetzt nicht unser niederländisches Kindheitstrauma Heintje ins Spiel zu bringen: Solche die Tränendrüsen drückenden Oden ist man sonst nur von ödipal fixierten US-Kuhbuben gewohnt, die im Gefängnis während 20-jähriger Haftstrafen wegen einer blöden Geschichte leise in ihren alkoholfreien Milchkaffee weinen.

Doch Sido, der mit diesem Song und vor allem auch mit dem ebenso auf seinem Debütalbum Maske enthaltenen Hit Mein Block als erster deutscher Independent-Musiker in die deutschen Verkaufscharts von null auf die drei preschte, hat es nicht nur mit der Mutter. Wie sein großes Vorbild Eminem oder große, schwarze, böse Männer aus Gangsterhausen hält es auch die stets eine total bedrohliche Totenkopf-Maske tragende Hühnerbrust aus dem Märkischen Viertel am Stadtrand von Berlin mit der künstlerischen Verklärung eines kleinkriminellen Daseins auf einer gesellschaftlichen Müllkippe.

Sido sieht im Berliner Plattenbau die deutsche Entsprechung der US-Ghettos. An täglichen Morden und Drive-by-Shootings muss dort zwar bezüglich endgültiger sozialer Verelendung noch ein wenig gearbeitet werden. Die völlige politische, soziale, moralische Unkorrektheit, das bewusste Herauskehren des Proletentums, der affirmative Zugang zu Drogen, der liebe, in seinem pubertären Bestemmen beinahe rührende und bei einem männlichen Zielpublikum, das noch nicht wählen und Auto fahren darf, punktende Leitspruch "Geld, Sex, Gewalt und Drogen!", das alles ergibt in seiner Verdichtung gesellschaftlicher Realitäten allerdings Sozialporno vom Feinsten. Dazu rumpeln hoppertatschige Beats aus der Gründerzeit des Drumcomputers, über die wir nicht sprechen wollen, weil: egal. Solange man das alles nicht mit Sozialrealismus verwechselt, eine feine Sache für eine Phase im Leben, in der man männlich, jung und voll deppert wie nie wieder später im Leben ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2004)

Von
Christian Schachinger

  • Sido: "Mein Block" (Aggro Berl /Groove Attack)
    grafik: aggro berl /groove attack

    Sido: "Mein Block" (Aggro Berl /Groove Attack)

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