Liebe macht farbenblind

21. September 2004, 19:02
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Früher wurde nur der Mann in der Politik etwas, heute auch seine Frau. Die Folge: Immer öfter drängen politische Paare an die Macht. Die Clanbildung macht Sinn. Sie bringt Karriere- und Startvorteile.

Geheiratet wird am 16. Juli im Standesamt Wien Innere Stadt. Wenn sich Wiens SPÖ-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und SPÖ-Gemeinderätin Sonja Kato das Jawort geben, wird die rote Rathausprominenz gratulieren - unter ihnen zahlreiche weitere Politikerpaare.

Die neue Integrationsstadträtin Sonja Wehsely, Lebensgefährtin von Gemeinderat Andreas Schieder etwa (dessen Vater Peter Nationalratsabgeordneter ist). Oder die frisch gekürte Umweltstadträtin Ulli Sima, im Privatleben mit SPÖ-Klubchef Christian Oxonitsch verbandelt.

Die liebe Familie in Wien ist rot, die Liste der Paarläufe im Rathaus lässt sich beliebig verlängern: Wohnbaustadtrat Werner Faymann hat die Landtagsabgeordnete Martina Ludwig geheiratet, sein Pressesprecher Wolfgang Jansky ist mit SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Doris Bures liiert.

Mehrfach haben Politiker nicht nur untereinander, sondern auch zu Pressesprechern gefunden - wie Ex-Innenminister Caspar Einem zu Andrea Hlavac. Es ist kein Zufall, dass eine Politikergeneration in die erste Reihe drängt, für die Politik mitunter auch Family-Business ist. Politologe Fritz Plasser: "Teil der politischen Elite zu sein nimmt einen heute so in Anspruch, dass die Partnerwahl sich einschränkt."

Sima formuliert es pragmatisch: "Politik ist wie jeder andere Job. Seinen Partner lernt man eben am ehesten am Arbeitsplatz kennen." Nachsatz: "Früher hätte ein Politikergatte erwartet, dass sich die Frau um Haushalt und Kinder kümmert, sobald er eine wichtige Funktion übernimmt. Heute machen beide ganz selbstverständlich Karriere."

Liebes-Crossover

Oder auch nicht. Das derzeit wohl meistbeobachtete - und darüber schon einigermaßen entnervte - Politpaar ist die scheidende FPÖ-Generalsekretärin Magda Bleckmann und ÖVP-Bauernbundboss Fritz Grillitsch.

Die schwarz-blaue Liaison sorgte in beiden Parteien nicht nur für Witzchen, sondern auch für karrieretechnische Probleme. Hier der geschiedene katholische Vater dreier Kinder, dort die allein erziehende, protestantische Freiheitliche, die nun ein (uneheliches) Kind von ihm erwartet. "Einfach haben es beide nicht", weiß ein Vertrauter, "Grillitsch noch weniger als Bleckmann. Da bricht eben die scheinheilige christlich-soziale Moral durch."

Zum Politikum wurde einst auch die Beziehung von SPÖ-Familienministerin Gertrude Fröhlich-Sandner, die im Jahr 1971 den ÖVP-Gemeinderat Josef Fröhlich heiraten wollte. Damals tagte der SPÖ-Parteivorstand zur Ehecausa. Dialektisches Urteil: Heirat ja, aber Sander soll ihren Mädchennamen behalten.

Verheiratet oder nicht ist heute - zumindest im linken Milieu - kein Thema mehr: Die grüne Abgeordnete Terezija Stoisits und Bruno Aigner, rechte Hand von Heinz Fischer, leben seit Jahren in "wilder" rot-grüner Ehe.

Seitenblicke-Falle

Sehr wohl ein Thema, vor allem unter Wiens jungen SPÖ-Damen, ist aber die Frage, wie man damit umgehen soll, dass die Medien einen lieber als Gattin denn als eigenständige Politikerin wahrnehmen wollen. "Als Model für Abendmode bekomme ich sofort eine Doppelseite in einem Hochglanzmagazin. Will ich eine politische Botschaft transportierten, wird daraus eine Kurzmeldung", berichtet eine Rote. "Hier werden alte Klischees bedient", ärgert sich Neostadträtin Sima. Und natürlich bleibt der Vorwurf des Nepotismus nie aus.

In den USA kann die Zugehörigkeit zu einer politischen Dynastie durchaus karrierefördernd, ja sogar Karrierebedingung sein. "Breakfast table politics", die Nutzung höchst privater Netzwerke für die Politik, ist gang und gäbe.

Das ist ein Modell, das sich auch in Österreich zunehmend durchsetzen könnte, meint Politologe Plasser: "Politikerfamilien bieten bessere Karriereperspektiven. Kontakte und Interessen können optimiert werden. Kinder aus diesen Familien lernen das politische Handwerk so, wie es in keinem Lehrbuch steht."

Auf die Karrieren von Mathias Mailath-Pokorny (2), Marie Sima (sieben Monate) und Klein-Bleckmann-Grillitsch kann man somit gespannt sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2004)

Von Barbara Tóth
  • Die langen Wege in den Gängen des Parlaments motivieren
manche, Halt bei einem Partner zu suchen.
    foto: cremer

    Die langen Wege in den Gängen des Parlaments motivieren manche, Halt bei einem Partner zu suchen.

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    SPÖ-Abgeordneter Caspar Einem und seine Frau, Andrea Hlavac. Vor der Heirat war sie Pressesprecherin, als er noch Innenminister war.

  • Grünen-Abgeordnete Terezija Stoisits und Lebenspartner Bruno Aigner, rechte Hand von Bundespräsident Heinz Fischer.
    foto: cremer

    Grünen-Abgeordnete Terezija Stoisits und Lebenspartner Bruno Aigner, rechte Hand von Bundespräsident Heinz Fischer.

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    ÖVP-Bauernbundchef Fritz Grillitsch und Ex-FPÖ-General- sekretärin Magda Bleckmann erwarten im November ihr erstes gemeinsames Kind.

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