"handbikemovie": Achtung: Anschnallen!

26. März 2005, 23:03
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Der Österreicher Martin Bruch nimmt uns in seinem preisgekrönten "handbikemovie" mit auf Fahrten über Land, Stock und Stein

Wien - Als das Kino das Licht der Welt erblickte, ermöglichte es zugleich auch einen neuen Blick auf dieselbe: Dieser Blick war mobil, nicht an einen Ort und eine Perspektive gebunden, nicht einmal die Realität setzte ihm Grenzen. Und er simulierte Bewegung für seine in ihren Sesseln fixierten Betrachter. Unter anderem mittels jenes Verfahrens, das sich auch der Tontechniker und Fotograf Martin Bruch für seinen Dokumentarfilm zu Eigen gemacht hat.

Man verbinde eine Kamera mit einem bewegten Objekt und schicke sie um die Welt: Ein Fahrrad mit Handbetrieb und sein mit einer Helm-DigiCam ausgestatteter Fahrer ergeben dann zum Beispiel ein handbikemovie. Bruch, der sich wegen seiner Erkrankung an Multipler Sklerose seit Jahren bevorzugt mit diesem dreirädrigen Spezialgefährt fortbewegt, hat die gleichnamige Dokumentation im Zuge seiner Fahrten und Reisen - die in seine nähere Umgebung führen, aber auch bis nach Übersee - gedreht.

56 Einstellungen hat er ausgewählt und montiert, auf einen Off-Kommentar verzichtet, aber den Originalton mitunter durch Musik ergänzt. Entstanden ist dabei eine Experimentaldokumentation über eine unmögliche Freiheit. Oder eben auch: eine ungewöhnliche filmische Studie über Fortbewegung und Verkehrswege ebenso wie über die Mobilisierung des Blicks als wesentlicher Bestandteil der Kinoerfahrung.

Vergangenen März wurde Bruch in Graz dafür mit dem Großen Diagonale-Preis 2004 ausgezeichnet, zuvor wurde handbikemovie unter anderem bereits auf der Viennale oder dem Internationalen Filmfestival in Rotterdam präsentiert.

Poleposition

Im Kino nimmt nun gewissermaßen das Publikum auf dem Sitz des Fahrzeugs Platz und teilt die ungewohnte Perspektive: Wie Insektenfühler tauchen im Rhythmus der Pedalbewegung am unteren Bildrand metallene Schlaufen auf und verschwinden wieder. Vor uns die Wiener Ringstraße, die Route gefährlich zwischen Straßenbahnschienen und Autos angelegt. Auf Augenhöhe mit Karosserien, Reifen und Wagonunterbau. Ein Passant tritt plötzlich ins Bild und fragt: "Wo kriegt man sowas?" (Das Fahrrad ist gemeint.)

Vor uns der Arc de Triomphe, die Champs-Elysées, gesäumt von lichterkettenbehangenen Bäumen. Es regnet. Langsam geht es über die Bosporusbrücke oder halsbrecherisch schnell eine steile Tiroler Bergstraße hinunter. Wir nähern uns vorsichtig der George-Washington-Bridge in Manhattan, wo das Bild plötzlich schwarz wird und aus dem Off ein aufgebrachter Ordnungshüter mit Gefängnisstrafe wegen unerlaubten Befahrens eines Highways und verbotenen Fotografierens einer Brücke droht.

Solche äußeren Spannungsmomente sind jedoch selten. Primär erzeugen hier Fahrtbewegung und Blickrichtung eine eigentümliche Dynamik nach vorne und ein einmalig physisches Seherlebnis. Wenn das Gefährt und mit ihm die Aufnahmen holpern und wackeln - je nach Beschaffenheit von Straßen, nach Verkehrslage und Witterung -, dann möchte man sich unwillkürlich festhalten. Bis einem einfällt: Man sitzt ja im sicheren Kino. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2004)

Von
Isabella Reicher

Links

handbikemovie.com

sixpackfilm.com


Ab 25. 6. im Votivkino
  • Cockpitkamera einmal anders: Martin Bruch befährt in "handbikemovie" gemächlich eine Brücke in New York, und wir dürfen mitfahren.
    foto: sixpackfilm

    Cockpitkamera einmal anders: Martin Bruch befährt in "handbikemovie" gemächlich eine Brücke in New York, und wir dürfen mitfahren.

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