Voest-Chef attackiert Gewerkschaften

5. Juli 2004, 15:40
26 Postings

Solidarität mit Unternehmen zur Standortverbesserung gefordert - IG Metall-Chef: Arbeiterbewegung viel zu wenig internationalisiert - Mit Kommentar

Wien - Neue Ideen, wenn nicht gar "revolutionäre Ansätze" zu Problemstellungen wie Arbeitszeiten, Entlohnungssysteme, Vereinbarkeit von Beruf und Familie erwartet sich Voestalpine-Vorstandschef Wolfgang Eder von den Gewerkschaften. Auf dem Metaller-Gewerkschaftstag in Wien warf Eder den Arbeitnehmervertretern das zu starre Festhalten an wohlerworbenen Rechten und angestammten Besitztümern vor.

"Pragmatische Form der Solidarität"

Lamentieren sei zu wenig. Der - für Eder positiven - Globalisierung könne nur mit einer neuen, pragmatischen Form der Solidarität zwischen Unternehmen und Gewerkschaften begegnet werden. Dies gelte für die Pensionssysteme genauso wie für neue Arbeitszeitmodelle.

Eingebettet waren Eders Aussagen in eine Diskussion um Produktionsverlagerungen ins Ausland als Sinnbild für die Schattenseiten der Globalisierung. Eder meinte dazu, Produktionen würden nicht dorthin verlagert werden, wo simpel die Kosten am geringsten seien, sondern wo die Kombination aus Arbeitskosten, Qualität und Produktivität am günstigsten sei.

"Stärker in Brüssel einbringen"

Heinz Zourek, stellvertretender Generaldirektor der EU-Kommission, pflichtete Eder bei. Weniger als 50 Prozent aller Betriebsabwanderungen ins Ausland würden wegen der Produktions- oder Lohnkosten stattfinden. Am Beispiel China, wo heuer von der deutschen Automobilindustrie erstmals mehr Autos produziert würden als für den europäischen Markt, sehe man, dass es vor allem um Erschließung und Betreuung des chinesischen Marktes gehe. Zourek forderte die Gewerkschaften auf, sich im Versuch, die EU-Standorte abzusichern, auch stärker in Brüssel einzubringen. "Ihr müsst selber hingehen, wenn ihr euch etwas in Brüssel holen wollt."

Ganz andere Töne schlug erwartungsgemäß Jürgen Peters, Vorsitzender der deutschen IG Metall, an. Die heutige Form der Globalisierung verringere die Rechte der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und verschärfe den Raubbau an der Natur. Dem Kapital gehe es immer nur um den Profit. Dabei werde das Prinzip der Solidarität unter den Beschäftigten immer wieder unterlaufen, wenn es um den Wettbewerb der Standorte geht.

"Europäisches Sozialmodell verteidigen"

Die Arbeiterbewegung sei hingegen viel zu wenig internationalisiert. Die Gewerkschaft handle immer noch viel zu oft ausschließlich auf nationaler Ebene, so Peters selbstkritisch. Die Gewerkschaft müsse vor allem in einer erweiterten Union das europäische Sozialmodell verteidigen. Es dürfe keine Standortkonkurrenz und auch kein Lohndumping geben.

Für den Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister sind das Erscheinungen des Neoliberalismus, der jene "Krankheit" sei, für "deren Heilung er sich hält". Seit vier Jahren befänden sich die EU-Staaten in der längsten Stagnationsphase der Nachkriegsgeschichte. Budget- und Finanzsorgen wären zum Anlass genommen worden, den Sozialstaat auszuhöhlen. Das führe zu Angstsparen und Konsumverzicht, was der Wirtschaft schade und die Arbeitslosigkeit erhöhe. (miba, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.06.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Voestalpine-Vorstandschef Wolfgang Eder warf den Gewerkschaften "zu starres Festhalten an wohlerworbenen Rechten und angestammten Besitztümern" vor.

Share if you care.