Ein Hoch auf das "Alleinstellungsmerkmal"

27. Juni 2004, 13:30
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Am Mittwoch startete das 28. Wettlesen in Klagenfurt

Klagenfurt - Klagenfurt ist stolz auf sie. Und das mit gutem Grund: Schließlich besitzt es an ihnen ein "Alleinstellungsmerkmal". Mehr noch: "Das einzige Alleinstellungsmerkmal der Stadt Klagenfurt im kulturellen Bereich", wie Mario Canori (FP), Vize-Bürgermeister der Stadt und zudem Kulturreferent der Wörthersee-Kommune, vermerkt.

Objekt des Stolzes, jenes "Alleinstellungsmerkmal", sind die Tage der deutschsprachigen Literatur, deren 28. Ausgabe am 23.6. in Klagenfurt eröffnet wird. Zur großen Erbauung von Mario Canori, dem freilich noch vor einem Jahr "nicht bewusst war, was für ein Juwel wir mit dieser Veranstaltung haben". Wie er, wortident mit der Eröffnungsrede des Vorjahrs, bei der Pressekonferenz zum zweiten Mal gesteht, beide Male gänzlich schamfrei, was an dem geringen Rang der Kultur oder nur an seiner in Schamnähe angesiedelten weiteren Profession, dem Unterwäsche-Handel, liegen mag.

Nicht bewusst war Canori daher wohl auch, dass die Tage der deutschsprachigen Literatur einst einen anderen Namen trugen. Die Ursache der Umbenennung wollte, auf die Frage einer deutschen Journalistin, auch sonst niemand mehr wissen.

Zucker und Literatur

Wohl aber wusste man zu berichten, dass Servietten und Zuckersackerln der landeshauptstädtischen Gastronomie-Betriebe in den kommenden Tagen mit literarischen Zitaten geziert würden, dass den Autoren zur Fortbewegung durch den Stadtdschungel ein Smart-Service zur Verfügung stehe.

Apropos Autoren: 18 junge Schriftsteller werden in den kommenden Tagen jeweils 30 Minuten aus unveröffentlichten Texten lesen, werden im Anschluss an ihre Lesung die 30-minütige Kritik der neun Jury-Mitglieder, so will es das Reglement, schweigend hinzunehmen haben. Drei der Dichter verfügen über eine österreichische Staatsbürgerschaft, die Salzburgerin Bettina Balàka, der Vorarlberger Arno Geiger sowie der Grazer Thomas Raab. Als Schweizer Autorin liest die in Becsej (Vojvodina) geborene und in Zürich lebende Melinda Nadj Abonji.

Die restlichen Lesenden kommen aus Deutschland: Der gebürtige Pole Artur Becker, Dorothea Dieckmann, Anna Katharina Hahn, Roswitha Haring, der in Luxemburg geborene Guy Helminger, Wolfgang Herrndorf, Sandra Hoffmann, der in den USA geborene Andreas Münzner, Richard David Precht, Rolf Schönlau, Uwe Tellkamp, Arne Roß, Simona Sabato und die mit Geburtsjahr 1974 jüngste Autorin, Julie Zeh.

Empfehlungen

Erstmals hatte jeder der Einreichenden sich durch die Empfehlung eines Verlages oder einer Literaturzeitschrift ausweisen müssen. Was den ausgewählten Lesenden wenig Mühe bereitet haben durfte: Fast alle haben bereits ein bis mehrere Bücher publiziert. Vielmehr scheint die Einschränkung ein Versuch der Klagenfurter Veranstalter, die Flut der Einreichungen einzudämmen.

In der neunköpfigen Jury unter dem Vorsitz von Iris Radisch ersetzen Falter-Redakteur Klaus Nüchtern, Martin Ebel, Literaturchef des Züricher Tages-Anzeigers, und der deutsche Germanist Heinrich Detering die ausgeschiedenen drei Mitglieder Friederike Kretzen, Thomas Steinfeld und Josef Haslinger. Wenn der dreitägige Lesemarathon wie üblich am Donnerstagmorgen anhebt, liegt der literarische Höhepunkt der Veranstaltung jedoch vermutlich bereits hinter ihnen: Die Rede, mit der heute, Mittwoch, Abend die große Herta Müller die Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet. Ihr Titel lautet: Die Anwendung der dünnen Straßen.

Mario Canori übrigens trägt sich bereits mit dem Gedanken, Klagenfurt zur Hauptstadt der Literatur ausrufen zu lassen. Eine Hauptstadt der Literatur, die bis heute die Kosten scheut, der Öffentlichkeit eine städtische Bibliothek einzurichten. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.6.2004)

Von
Cornelia Niedermeier
  • Artikelbild
    foto: verlag/pr
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