Billigflieger zwingen zu Billigpreisen

1. Juli 2004, 17:47
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Im Vorjahr Rückgänge bei Umsatz, Ertrag und Tonnage - Billigtickets sollen weiteren Verlusten vorbeugen - Mitarbeiterstand sinkt um 1300

Wien – Mit Kampfpreisen von 29 Euro auf ausgewählten Strecken nach Deutschland, Italien und in die Schweiz versuchen die ÖBB, den Billigfliegern Paroli zu bieten – mit bisher bescheidenem Erfolg. Nun soll dieses Angebot möglichst rasch ausgebaut werden.

Billig in den Osten

"Wir denken in erster Linie an die Nachbarstaaten im Osten", sagte ÖBB-Personenverkehrsvorstand Ferdinand Schmidt am Dienstag am Rande der Bilanzpräsentation dem Standard. Weil dazu aber die Zustimmung der jeweiligen Partnerbahn notwendig ist, sei der Zeitpunkt der Einführung solcher Billigtickets im Ostverkehr nicht absehbar.

Um die Dramatik der Situation für die Bahn zu sehen, genügt ein Blick nach Schwechat: Mit einem Sprung von null auf sechs Prozent des Passagieraufkommens (760.000 Passagiere) haben die Billigflieger am Flughafen Wien 2003 einen Blitzstart hingelegt. Sieben Low-Cost-Carrier, darunter die von Niki Lauda übernommene Aero Lloyd unter neuem Namen "Niki", bedienen derzeit Wien. Und "Niki" will nun auch Ostrouten billigst bedienen.

"Lockangebot"

Bei den ÖBB selbst bezeichnet man die 29-Euro-Schiene als "Lockangebot". Die Billigtickets sind kontingentiert; pro Nachtverbindung gibt es fünf bis maximal 30 Plätze zu dem Sonderpreis. "Die Tickets sind ständig ausverkauft, man muss sich rechtzeitig darum bemühen", sagte Schmidt. Geld verdiene man damit nicht. Aber über den Umwegeffekt, dass Fahrgäste bei Nichtverfügbarkeit von Billigtickets doch teurere Karten kauften, kämen die ÖBB dennoch auf ihre Rechnung.

Trotzdem hat die Bahn 2003 im Fernreisesegment, wo sie Geld verdient, etwa eine Million Passagiere verloren – ein Minus von fünf Prozent. Die Zahl der Fahrgäste ging, bedingt auch durch Zugausfälle infolge von Streiks, um insgesamt gut zwei Mio. auf 277,6 Mio. zurück. ÖBB-Generaldirektor Rüdiger vorm Walde sprach von einem "fordernden Jahr, einem Jahr der Streiks und insofern von einem anspruchsvollen Jahr". Der fünftägige Streik im vergangenen Herbst, mit dem gegen die inzwischen in Umsetzung befindliche Neustrukturierung der Bahn protestiert wurde, habe das Unternehmen sieben Mio. Euro gekostet.

Weil Finanzminister Karl-Heinz Grasser, wie berichtet, Ende April eine Vorabdividende von 89,858 Mio. Euro kassiert hat, beläuft sich der Bilanzgewinn der ÖBB 2003 auf 232,44 Euro. Bei einem leicht gesunkenen Umsatz ist der Gewinn (EGT) im Berichtsjahr von 125,2 auf 100,3 Mio. Euro zurückgegangen.

Druck auf Margen Auch im Güterverkehr gab es konjunkturbedingt ein leichtes Minus. Statt der angepeilten 90 Mio. wurden nur 87 Mio. Tonnen transportiert. Weil vergleichbare ausländische Bahnen teils weitaus schwerere Einbrüche hinnehmen mussten, konnten die ÖBB ihre Position als Nummer drei im europäischen Schienenverkehr (nach der deutschen und französischen Bahn) festigen. In den ersten Monaten dieses Jahres habe man eine um vier Prozent höhere Nachfrage verspürt, womit die 90 Mio. Tonnen heuer geschafft werden sollten. Der Druck auf die Margen halte aber unvermindert an.

Mitarbeiter-Abbau

Nach der geplatzten Fusion mit der Ökombi wollen sich die ÖBB nun ganz aus der von der Speditionswirtschaft getragenen Kombiverkehrsgesellschaft zurückziehen und stattdessen verstärkt selbst am Markt akquirieren. Dabei wird die Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern überlegt. Als wichtigste Aufgabe in der verbleibenden zweiten Jahreshälfte bezeichnete vorm Walde die Umsetzung der im Parlament beschlossenen Bahnreform sowie die Implementierung des neuen, für die ÖBB günstigeren Dienstrechts der Eisenbahner. Die Zahl der Mitarbeiter wird ähnlich wie im Vorjahr um weitere 1300 auf rund 46.200 sinken.

Vorm Walde fürchtet keine Auswirkungen auf den Umbau der Bahn in eine Holding mit neun Teilgesellschaften, sollte sein Kollege im Holding-Vorstand, Josef Moser, zum Rechnungshofpräsidenten bestellt werden. "Die Struktur steht, der Zeitplan auch, wir werden das mit oder ohne Moser umsetzen." (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.06.2004)

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    Im Fernreisesegment haben die ÖBB im Vorjahr etwa eine Million Passagiere verloren.

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