Schweizer Gericht: Holocaust-Opfer dürfen IBM verklagen

2. Juli 2004, 15:51
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Lochkartenmaschinen sollen Organisation der Vernichtung erleichtert haben - Sinti und Roma fordern Schmerzensgeld

Ein Schweizer Gericht hat eine Klage von Holocaust-Opfern gegen den Computer-Hersteller IBM für zulässig erklärt. Die Sinti- und Roma-Organisation GIRCA (Gypsy International Recognition and Compensation Action) kann IBM damit wegen technischer Unterstützung des Massenmords durch die Nationalsozialisten auf Schmerzensgeld verklagen, wie ihr Anwalt Henri-Philippe Sambuc am Dienstag mitteilte. IBM-Lochkartenmaschinen sollen die Organisation des Holocausts erleichtert haben.

Europa-Hauptquartier

Das Berufungsgericht in Genf hob am Dienstag eine Entscheidung der ersten Instanz auf, die sich für nicht zuständig erklärt hatte. GIRCA reichte die Klage in Genf ein, weil IBM dort im Zweiten Weltkrieg sein Europa-Hauptquartier eingerichtet hatte.

100.000 US-Dollar Schmerzensgeld

Die Organisation wirft dem Unternehmen vor, durch den Verkauf von Lochkartenmaschinen an die Nationalsozialisten den Holocaust unterstützt zu haben, und fordert stellvertretend für fünf Opfer insgesamt 100.000 US-Dollar Schmerzensgeld. Es handelt sich um Sinti und Roma aus Deutschland, Frankreich und Polen, die in den Vernichtungslagern der Nazis ihre Eltern verloren. Insgesamt brachten die Nationalsozialisten mindestens 600.000 Sinti und Roma um.

"IBM und der Holocaust"

GIRCA beruft sich auf das Buch "IBM und der Holocaust" von Edwin Black. Nach Angaben des US-Autors benutzten die Nazis Lochmaschinen der IBM-Tochter Deutsche Hollerith Maschinen GmbH (Dehomag), um Informationen über die Häftlinge in Konzentrationslagern zu verschlüsseln. Die Nummer 12 etwa war der Code für einen Sinti oder Roma, die 8 stand für Juden.

Mit IBM-Maschinen gezählt und verschlüsselt

Der Code D4 bedeutete, dass der Häftling getötet worden war. Das Gericht erklärte, dies lasse den Schluss zu, dass IBM "den Nazis bei ihren Menschenrechtsverbrechen die Arbeit erleichterte - Verbrechen, die mit IBM-Maschinen gezählt und verschlüsselt wurden".

Von IBM lag vorerst keine Stellungnahme vor. Der Konzern hat in der Vergangenheit erklärt, die Dehomag sei von den Nazis schon vor dem Zweiten Weltkrieg übernommen worden. IBM habe keine Kontrolle darüber gehabt, welche Operationen dort ausgeführt oder wie weit IBM-Maschinen verwendet worden seien.

Prozess wird voraussichtlich im Herbst vor einem Genfer Gericht beginnen

Klägervertreter Sambuc erklärte dagegen, das Genfer IBM-Büro habe auf Weisung des New Yorker Hauptsitzes den europaweiten Handel mit Nazi-Deutschland koordiniert. Der Prozess wird voraussichtlich im Herbst vor einem Genfer Gericht beginnen, es sei denn, IBM geht gegen die Zulassung der Klage in Revision. (APA)

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