Studie: "Neue" profitieren stärker

11. Februar 2005, 15:34
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BA-CA: Zwei Prozent mehr Wachstum für neue EU-Länder, nur ein halbes Prozent mehr für "alte" EU-15 - Euro-Einführung zwischen 2008 und 2010

Wien - Die zehn neuen EU-Länder werden von der EU-Erweiterung stärker profitieren als die 15 alten EU-Länder. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU-15 wird in den nächsten zehn Jahren dank der Erweiterung um rund ein halbes Prozent höher sein als ohne Erweiterung. Die neuen EU-Länder dürften dagegen mittelfristig um rund zwei Prozentpunkte pro Jahr schneller wachsen als die EU-15. In Österreich werde das BIP-Niveau durch die EU-Erweiterung um einen Prozent steigen, so der stellvertretender Leiter der BA-CA-Volkswirtschaft, Stefan Bruckbauer, am Dienstag zur APA.

Schnellere Transfers

Hauptquelle des schnellen Wachstums ist laut einer heute veröffentlichten CEE-Studie der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) die verbesserte Möglichkeit des Transfers von Know-how, Management und Kapital aus den alten in die neuen EU-Länder. Das Wachstum in den alten EU-Ländern sei zwar geringer als in den neuen Ländern, dabei müsse man jedoch bedenken dass die Beitrittsländer 2003 nur 434 Mrd. Euro erwirtschaftet hätten, verglichen mit 9.390 Mrd. Euro der EU-15, so Bruckbauer. Das ist mehr als 20 Mal so viel. Es sei daher natürlich, dass die neuen Länder mit ihrer vergleichsweise geringen Wirtschaftskraft in den EU-15 nicht so viel bewegen könnten.

Durch die Erweiterung werde sich der Strukturwandel in Mittel- und Osteuropa, aber auch in der alten EU weiter beschleunigen, heißt es in der Studie. Traditionelle Branchen wie die Landwirtschaft sowie die Textil- und Bekleidungsindustrie, die heute in den CEE-Ländern noch überrepräsentiert sind, werden stark schrumpfen. Dafür werden Branchen, die derzeit in der EU-15 für beinahe 40 Prozent des BIP und in Mittel- und Osteuropa nur für knapp ein Viertel des BIP verantwortlich sind, deutlich rascher wachsen als das BIP insgesamt.

Verschiebungen in der Beschäftigungsstruktur

In der Beschäftigungsstruktur wird es nach Ansicht der BA-CA-Volkswirte dadurch zu erheblichen Verschiebungen kommen. In Summe werden etwa 10 Prozent der Gesamtbeschäftigten in Mittel- und Osteuropa von diesen Umschichtungen betroffen sein. Darüber hinaus wird sich der Konkurrenzkampf vor allem in jenen Wirtschaftszweigen verschärfen, in denen der Außenhandel eine wichtige Rolle spielt, wie Kfz und Elektronik.

Das Außenhandelsvolumen der acht neuen mittel- und osteuropäischen EU-Mitglieder ist im Zeitraum zwischen 1990 und 2003 von 62,5 Mrd. auf über 370 Mrd. Euro gestiegen und hat sich damit versechsfacht. Zugleich hat der Handel mit Technologie intensiveren Gütern zu Lasten von eher arbeitsintensiven oder energie- und rohstoffabhängigen Waren an Bedeutung gewonnen.

Zielregion für Kapital

Zu dieser Entwicklung haben wesentlich ausländische Direktinvestitionen beigetragen. Mit einem Bestand von insgesamt mehr als 143 Mrd. Euro per Ende 2003 sind die neuen EU-Mitglieder mittlerweile zu einer der attraktivsten Zielregion für Auslandskapital geworden. Vom Gesamtbestand stammen durchschnittlich 80 Prozent aus den Ländern der EU. Die wichtigste Empfängerbranche ist mit großem Abstand die Fahrzeugindustrie, gefolgt von der Elektronikindustrie. Im Dienstleistungssektor haben sich der Handel, der Telekommunikationsbereich und das Bankwesen für ausländische Investoren als besonders interessant erwiesen.

Euro-Einführung zwischen 2008 und 2010

Die Euro-Einführung in den neuen EU-Ländern im Laufe der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts wird den Austausch von Gütern und Dienstleistungen und den Kapitalfluss nochmals verstärken, so die Studie. Mit dem Euro-Beitritt von Slowenien, zwei baltischen Staaten und möglicherweise Zypern sei bis spätestens 2008 zu rechnen. Ungarn und Polen seien auf Grund des Konsolidierungsbedarfs von ihrem ursprünglichen Ziel 2008 abgerückt und würden gemeinsam mit Tschechien erst nach 2008 der Eurozone angehören.

Die EU-Erweiterung wird den Konkurrenzkampf nach Ansicht der BA-CA-Volkswirte insbesondere in jenen Branchen verstärken, in denen der Außenhandel eine wichtige Rolle spielt. Ein Beispiel sei die Fahrzeugindustrie: Tschechien überholte 2002 Spanien als Nettoexporteur von Automobilen und wies den viertgrößten europäischen Überschuss in diesem Bereich nach Deutschland, Frankreich und Belgien aus. Auch die Slowakei entwickelt sich immer mehr zu einem Automobilland.

Im Telekombereich hatte Ungarn im Jahr 2002 nach Finnland, Schweden, Großbritannien und noch vor Frankreich und Deutschland den höchsten Exportüberschuss bei Mobiltelefonen aufzuweisen. Bei Möbeln nimmt Polen gleich nach Italien Platz zwei ein, Slowenien hat eine starke Position bei Elektrogeräten.

Schwache Halbzeit im "Lissabon-Prozess"

2005 ist Halbzeit für den von der EU im Jahr 2000 beschlossenen Lissabon-Prozess, der Europa bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierenden Wirtschaftsraum der Welt machen sollte. Von diesem Ziel sei Europa allerdings noch weit entfernt, so die BA-CA-Experten. Die Bevölkerung der EU sei nach der Erweiterung zwar um nahezu 60 Prozent größer als die der USA. Das BIP der EU-25 sei allerdings nur etwa gleich groß wie das der USA (EU-25: 9,8 Mrd. Euro, USA: 9,7 Mrd. Euro, jeweils 2003).

"Die Frage ist nicht, ob die neuen EU-Mitglieder Konkurrenz für die bestehenden EU-Mitglieder darstellen, sondern ob die EU mit Hilfe der neuen Mitglieder die Konkurrenz aus Asien und USA schlagen kann", sagt Marianne Kager, Chefökonomin der BA-CA. (APA)

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Die Studie ist hier gratis abrufbar.
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