Der Knuddel-Typ und das Mädchen

22. Juni 2004, 13:31
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"Roméo et Juliette" mit lautestem Beifall für den Argentinier Marcelo Alvarez an der Staatsoper

Immerzu ist eine der schönsten Opernsachen der Applaus. Nicht nur, weil die Sache dann endlich vorbei ist, nein. Wird sonst im hochseriösen Musikbetrieb Begeisterung lediglich mit einem monorhythmischen Aneinanderpatschen der Hände zum Ausdruck gebracht, so geht's in der Oper rund: Da wird, so es gefallen hat, gar geschrien.

Als Roméo et Juliette sich in Gounods Musikdrama Gift bzw. Dolch gegeben hatten, war es Marcelo Álvarez, für dessen Roméo-Debüt hernach der lauteste Beifall aufbrandete; zu geringfügig kleineren Dezibelwerten fing die wunderbare Andrea Rost ihre Blumensträußchen auf. Klar: kleiner Debüt-Sonderbonus für den Argentinier, der sich ordentlich ins Zeug gelegt hatte und nach verhaltenem Beginn zum großen Sterben am Ende noch rechtzeitig in Schwung und stimmliche Ekstase gekommen war.

Ging sein Roméo darstellerisch eher in die Richtung treuherziger Knuddel-mich-Typ, wandelte sich Rosts Juliette vom anfänglich divaesken Erscheinungsbild zum reinweißzarten Mädi. Immer bewahrte sich die Rost aber Kühle, Klarheit und Konzentriertheit. Sie hatte die packenden Momente, sie leuchtete in der Flimm-Inszenierung wie eine kleine Sonne. Sonst: Elina Garanca legte das Lied des Stéphano frech, sinnlich und sicher hin, Mihaela Ungureanu war Julia eine stimmlich forsche Amme.

Michael Roider ließ sich, nach routiniertem Tun, von Roméo morden, nachdem er den braven Markus Nieminen (als Mercutio) erdolcht hatte. Nach anfänglich welkem 50er-Jahre-Sound substralisierte Marcello Viotti das Opernorchester zu einem Ficus-Benjamin-filigranen Klangverein auf; ab Mercutios Ballade wurde (meist) mit einer präzisen Zartheit begleitet. Eine Freude. (end/DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2004)

Staatsoper
23., 27., 30. 6., 19.30 Uhr
514 44-7880
  • Marcelo Alvarez und Andrea Rost
    foto: wiener staatsoper gmbh

    Marcelo Alvarez und Andrea Rost

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