"Denkverbot Ökonomie?"

22. Juli 2004, 10:14
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Wirtschaft aus Frauensicht im Mittelpunkt des ersten, nun abgeschlossenen, Lehrganges der Katholischen Sozialakademie "Geld und Leben"

Salzburg/Wien - Einen wirtschaftstheoretischen- und praktischen Paradigmenwechsel weg von traditionellen Wirtschaftsauffassungen (wie Adam Smith, Milton Friedman) hin zu alternativen Theorien und Praktiken, wie sie von Wirtschaftswissenschafterinnen und –ethikerinnen wie Ina Prätorius, Adelheid Biesecker oder Luise Gubitzer in den Diskurs eingebracht werden, forderten die Teilnehmerinnen des ersten - nun abgeschlossenen - Lehrgangs der Frauenakademie der ksoe (Katholische Sozialakademie Österreichs) "Geld und Leben. Ökonomische Kompetenzen für soziales Handelns" am Freitag in Salzburg.

"Gutes Leben" für alle

Ziel allen Wirtschaftens sollte "Gutes Leben" für alle sein, so die Teilnehmerinnen. Dazu zählen eine Grundsicherung, persönliche Autonomie von Frauen und Männern, eine Gleichbewertung von verschiedenen Arbeiten, Nachhaltigkeit und Ressourcenorientierung.

Diese Ansicht steht diametral zu den gängigen Leitlinien wirtschaftlichen Handelns, wie sie von einzelnen Akteuren bestimmt werden. Ob WIR in Zukunft etwa mehr erwerbsarbeiten müssen (wie jüngst von einzelnen Vertretern traditionellen neoliberalen Wirtschaftsdenkens vorgebracht), ist angesichts der enormen Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen, der ungleichen Verteilung unbezahlter Tätigkeiten oder angesichts der viel höheren Produktivität als in anderen Ländern für die Wirtschaftsexpertinnen der frauenakademie eindeutig die falsche Frage.

Frauen sind Expertinnen

Die Teilnehmerinnen des zweijährigen Lehrgangs haben in Projektarbeiten die durch die frauenakademie gewonnenen Erkenntnisse vertieft und angewandt. Allein durch diese Projekte konnten zahlreiche Anstöße zur kritischen Reflexion wirtschaftlicher Praxis und wirtschaftlichen Handelns gegeben und damit gezeigt werden, dass Wirtschaft uns alle betrifft und Frauen Expertinnen sind.

"engendering budgets" in Mödling

Mit dem Projekt "engendering budgets" konnte ein Prozess im Bezirk Mödling angestoßen werden, der aufdeckt, dass Gemeinde- und Stadtbudgets nicht neutral wirken, sondern eine gezielte Geschlechterperspektive brauchen, um mittels Budgets gezielt in Richtung Geschlechtergerechtigkeit zu steuern.

Über Initiative einer Betriebsrätin der Diözese Linz wurden Ansätze für die Konkretisierung von "gender mainstreaming" in der Betriebsratsarbeit erarbeitet. Mithilfe eines Fragenkataloges kann nun analysiert, welche Funktionen, Aufgaben und Rollen von Männern bzw. von Frauen wahrgenommen werden und wie Geld, Aus- bzw. Weiterbildung zwischen den Geschlechtern verteilt sind.

In einer Erwachsenenbildungseinrichtung der Evangelischen Kirche wurde "Vision und Realität einer Weiberwirtschaft" nachgegangen. Dabei wurde die Anwendbarkeit der Konzepte "gender mainstreaming", "managing diversity" und "corporate social responsibility" auf die Praxis dieser Einrichtung überprüft.

Wirtschaft aus Frauensicht länderübergreifend

In einem länderübergreifenden Projekt haben sich Frauen aus Österreich und Ungarn getroffen, um Wirtschaft aus Frauensicht zu reflektieren und die unterschiedlichen Erfahrungen auszutauschen. So wurde das Thema Wirtschaft von der abstrakten Ebene eines EU-Beitrittslandes auf die täglichen Erfahrungen unterschiedlich betroffener Frauen heruntergeholt und erfahrbar gemacht.

Im Rahmen einer anderen Projektarbeit wurde ein Symposium in der oberösterreichischen Bezirkshauptstadt Rohrbach zum Thema "GATS und wir" durchgeführt, wobei dieser sperrige Begriff auf seine Auswirkungen im unmittelbaren Lebensumfeld aufbereitet wurde – durch Vorträge und Workshops, aber auch mittels Theaterarbeit. In den jeweiligen Szenen konnte die Betroffenheit der Region Rohrbach, im Besonderen hinsichtlich der Bereiche Bildung, Gesundheit und Wasser aufgegriffen werden.

Die Betroffenheit über wirtschaftliche Fakten, wie sie im Rahmen des Lehrgangs "Geld und Leben" Thema waren, bildeten die Grundlage für die Projektarbeit einer weiteren Teilnehmerin, die einen journalistischen Beitrag über Ökonomie verfasst hat ("Wirtschaft neu denken").

Wirtschaftsalphabetisierung

"Weiberwirtschaft, die anzieht" lautete der Name eines Projektes, das sich damit beschäftigt, das Thema Frauen und Ökonomie öffentlich präsent zu machen und in Diskussion zu bringen. So entstanden Slogans, die mittels T-Shirts im öffentlichen Raum Aufmerksamkeit erregen sollen und ins Gespräch bringen wollen. "Wirtschaft anders denken. Wirtschaft – das sind wir", "Denkverbot Ökonomie? Denken ist kein Luxus" oder "Tagediebin – stehle Zeit" sind einige der Anstöße. Unter www.weiber2.com finden sich alle Slogans sowie eine Bestellmöglichkeit der T-Shirts.

In einem weiteren Projekt haben 18 Teilnehmerinnen analysiert, in welchem der Wirtschaftssektoren sie wieviel Zeit verbringen: Erwerbsarbeit, Hausarbeit, Eigenarbeit, Ehrenamt, Schwarzarbeit. Dadurch hatten die Teilnehmerinnen die Möglichkeit, ihre persönliche wirtschaftliche Lebensführung einem Reflexionsprozess zu unterziehen.

"Unsichtbare Händchen"

"Unsichtbare Händchen" war der Titel eines Projektes in Anlehnung an die berühmte "unsichtbare Hand" von Adam Smith, wo in einem sozial-ökonomischen Beschäftigungsprojekt in Innsbruck mit den im Betrieb beschäftigten Frauen in Gesprächen aufgearbeitet wurde, welche Tätigkeiten Frauen wahrnehmen und welche Rollen sie übernehmen.

"Wirtschaftsalphabetisierung von Frauen" stand im Mittelpunkt einer Projektarbeit, die in Form informeller Gespräche mit Frauen des Reinigungspersonals in einer Einrichtung der katholischen Diözese Steiermark das Thema Wirtschaft bewusst machte. Wirtschaftshandeln ist alltäglich – wurde allen Teilnehmerinnen klar. Konkrete Veränderungsschritte wurden dabei eingeleitet. So wurde auf "fair trade Kaffee" umgestellt und der Pausenraum in "Studierzimmer" umbenannt, um die Reflexionen über Wirtschaften voranzubringen und fortzusetzen.

"Weibliches Wirtschaftshandeln in Frauenbildungseinrichtungen" war das Thema einer anderen Arbeit. Welche Angebote gibt es? Was zahlen die Teilnehmerinnen? Wie gelingt "Gutes Leben" in diesen Einrichtungen? Diese und andere Fragen wurden in einer 25 Tage dauernden Reise, bei der Gespräche mit Leiterinnen von Frauenbildungsorten im deutschsprachigen Raum geführt wurden, erarbeitet.

Zweiter Lehrgang

Der Lehrgang "Geld und Leben", konzipiert und begleitet von Mag.a Margit Appel und Mag.a Gabriele Lindner (ksoe), startet im Februar 2005 in eine neue Runde. Die frauenakademie bietet einen Ort für Frauen, fachliche, soziale und persönliche Kompetenzen zu erweitern und einzuüben. Den organisatorischen Rahmen bilden zwei-jährige Lehrgänge, die als begleitete Prozesse selbstbestimmten Lernens gestaltet sind. Mit der frauenakademie schafft die ksoe einen Ort für die Auseinandersetzung von Frauen mit gesellschaftlichen Fragen, die in Form von Schwerpunktthemen aufgegriffen werden.

Ziel des Lehrgangs ist die kritische Analyse des herkömmlichen Umgangs mit ökonomischen Fragen und Problemstellungen, als auch das Vertrautmachen mit neuen, feministisch orientierten Wegen und Konzepten des Wirtschaftens. (red)

Link
ksoe
(ab September alle Details zum zweiten Lehrgang)
  • Der erste Lehrgang "Geld und Leben. Ökonomische Kompetenzen für soziales Handeln" ist zu Ende gegangen.
    foto: ksoe
    Der erste Lehrgang "Geld und Leben. Ökonomische Kompetenzen für soziales Handeln" ist zu Ende gegangen.
  • "Weiberwirtschaft, die anzieht" ... öffentliche Präsenz für das Thema "Frauen und Ökonomie". T-Shirts unter www.weiber2.com zu bestellen.
    foto: ksoe
    "Weiberwirtschaft, die anzieht" ... öffentliche Präsenz für das Thema "Frauen und Ökonomie". T-Shirts unter www.weiber2.com zu bestellen.
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