Österreich - ein Medienmonopol mit Raum für Nischen

1. Juli 2004, 23:35
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Raiffeisenverband feierte 100 Jahre "Raiffeisenzeitung" und lud Experten zur Diskussion

Der Erfolg eines Mediums ist in Österreich durch Reichweite definiert. Dies ist eine der vielen Erkenntnisse der Enquete gewesen, die Montagabend im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100jährigen Bestehen der Raiffeisen-Zeitung im Festsaal der RZB gewonnen wurde. Medienexperten diskutierten unter der dem Titel "Welche und wie viele Medien braucht das Land?" die österreichische Medienlandschaft. Fazit: Österreichs Medienlandschaft ist zwar klein aber durchaus vielfältig und bereit für Nischenprodukte.

Ein Hauptthema der Enquete war die etwaige Monopol- und Ausnahmestellung des ORF. Corinna Piller von Sat.1-Österreich forderte ein duales System für Österreich, indem auch private Anbieter eine reale Chance haben sollten. Falterherausgeber Armin Thurnher sah eine Problematik in der Kommerzialisierung des ORF, die er sich "selbst vorschreiben" würde und das aber ohne Vorgaben. Michael Grabner von der deutschen Verlagsgruppe Holtzbrinck GmbH attestierte dem kleinen österreichischen Markt eine erstaunliche Mediensituation, die trotz ORF sehr diversifiziert sei.

Gesamtsituation

Marktforscher Rudolf Bretschneider von Fessel GfK ging anschließend auf die Gesamtsituation in der Medienlandschaft ein. Er sieht eine steigende Bedeutung der Special-Interest-Medien. Dies sei laut Bretschneider auch Ausdruck der gesellschaftlichen Individualisierung und dem Verlangen nach Nischenprodukten. Medien würden auch eine Verbindungsfunktion einnehmen und als "sozialer Kit" die Anbindung der Konsumenten an die Realität gewährleisten. "Das Zeitpotenzial, das für Medienkonsum zur Verfügung steht, kann jedoch künftig nicht mehr ausgeweitet werden, da es bereits bis zum Limit ausgereizt ist und keine neue Zeit mehr lukriert werden kann", so der Marktforscher.

Kein gesellschaftliches Wissen

Armin Thurnher attestierte den großen österreichischen Medien, dass sie auf den "schnellen Beifall" aus wären. Die Bedeutung und die Funktion des Journalismus für eine demokratische Gesellschaft würden hiermit vollkommen untergehen. Dies schaffe gemeinsam mit dem Fehlen von offenen, politischen Debatten eine Tendenz, wo Kundenbeziehungen im Vordergrund stehen und Leserinnen und Leser an Werbetreibende weitergereicht werden. Es existiere, laut Thurnher, kein gesellschaftliches Wissen, wozu Journalismus primär eigentlich da ist. Der geschäftsführende Kurier-Chefredakteur Christoph Kotanko unterstrich in diesem Zusammenhang, dass Qualitätsjournalismus in Österreich durchaus überlebensfähig sei und präsentierte hierfür seine Zeitung. "Der Kurier ist ein Zeitung, die sich selbst erhalten muss und kann, und zwar ohne Laptop, Handy und Rotwein zum Abo", so Kotanko. (pte)

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