Opulente Abschiedsarie

25. Juni 2004, 12:39
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"Capriccio" an der Pariser Staatsoper: Abschied für Intendant Hugues Gall und toller Einstieg für den österreichischen Dirigenten Neuhold

Der scheidende Generalintendant der beiden Pariser Staatsopernhäuser, Hugues Gall, hat zum Ärafinale eine Traumbesetzung zusammengestellt. Richard Strauss' letzte Oper, Capriccio, erklingt mit Renée Fleming als selbstverliebte Gräfin, die sich zwischen dem Dichter (Gerald Finley als Olivier) und dem Komponisten (Rainer Trost als Flamand) ebenso wenig entscheiden kann wie zwischen der Dominanz von Wort oder Musik.

Prima la musica, poi le parole (oder umgekehrt). Um diese Polemik, die (auf der Bühne) zum Auftrag einer Oper führt, dreht sich das Konversationsstück für Musik. Dietrich Henschel ist der Bruder der Gräfin, ein sarkastisch-eleganter, rastlos Damengunst sammelnder Graf, der die Schauspieldiva (unkenntlich Anne Sofie von Otter als karikierend-überziehende Clairon) erobert.

Parlando-Monolog

Der Fadenzieher, wie er meint, ist der Theaterdirektor La Roche (Franz Hawlata), der einen Bühnenabend im Schlosstheater für die kunstbegeisterte Gräfin organisieren soll. Hawlatas langer Parlando-Monolog, in dem er des Theaterdirektors Verdienste um die Bühnenmusen rühmt und sich selbst quasi als Deus ex Machina deklariert, wird im Palais Garnier mit Szenenapplaus bedacht.

Ebenso wie die Verdi-Parodie-Einlage zweier "italienischer Sänger" (Annamaria Del'Oste und Barry Banks), deren reich komponierte Partien im satirischen Kontrast zu Strauss' Opern-Testament "Capriccio" steht, das einen (für die Sänger nicht immer einfachen) Konversationsstil privilegiert. Mit Ausnahme der Schlussszene der Gräfin, wo (die textunverständliche und ihren Sopran bis zu dieser Szene viel zu hoch ansetzende) Renée Fleming zu Hochform aufläuft.

Was das Unglück des einen, ist im Opernbetrieb oft das Glück des anderen: Christian Thielemann musste krankheitshalber (vor Beginn der Produktion, was die Entschuldigung glaubhafter macht) absagen. Das gab dem österreichischen Dirigenten Günter Neuhold die Gelegenheit zum glänzenden Einstieg an der Pariser Staatsoper.

Der 1947 geborene Neuhold konnte die Feinheiten der Partitur subtil herausarbeiten und die üppig orchestrierten Bläser kontrollieren. Hugues Galls Abschied ist also der applausbedachte Einstieg für den auslandserfahrenen Österreicher mit der beachtlichen Diskografie.

Die mit Ovationen bedachte Version dieser Oper (in der Oper) ruht aber auch auf den Schultern des kanadischen Regisseurs Robert Carsen. Klug benützt Carsen das gesamte Opernhaus für seine Inszenierung. Das Streichsextett zu Beginn findet auf der Bühne statt, während die zuhörende Gräfin am Balkon sitzt.

Als Nebengag wurde der ebenfalls von Paris scheidende bisherige Musikdirektor James Conlon an ihrer Seite platziert . . . Im grünen, maximal dekolletierten Kleid (obwohl die Farbe Grün auf Frankreichs Bühnen, weil Unglück bringend, tabu ist), erscheint Renée Fleming erst anschließend auf der immensen Bühne des Palais Garnier, die Carsen und Bühnenbildner Michael Levin praktisch ohne Kulisse belassen. Für das Schlossambiente öffnen die livrierten Diener einfach den hinteren eisernen Vorhang und geben den Blick auf den opulenten Stuckraum mit Lüster und Spiegel frei.

Dieser Raum wird in der Schlussszene der Gräfin als Kulisse nachgebaut, die Carsen aber nach dem Ausklingen der Musik plötzlich verschwinden lässt. Und in einem "Oper zum Quadrat"-Effekt lässt auch Fleming ihre Sängerinnen-Haltung fallen und wird - von mehreren "Betreuern" umringt - zur Darstellerin der Primadonna. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2004)

Von
Olga Grimm-Weissert aus Paris
  • Für "Capriccio", die letze Oper von Richard Strauss, wählt Regisseur Robert Carsen in Paris eine Raumlösung, die den Sängern unüblich viel Raum lässt.
    foto: eric mahoudeau

    Für "Capriccio", die letze Oper von Richard Strauss, wählt Regisseur Robert Carsen in Paris eine Raumlösung, die den Sängern unüblich viel Raum lässt.

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