Vom Podium ans Krankenbett

29. Juni 2004, 13:18
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Indy-Sieger Michael Schumacher nach Unfall von Bruder geschockt: "Es war heavy, damit umzugehen" - Ursache: ein Reifen-Defekt

Indianapolis - Seriensieger Michael Schumacher konnte nach seinem Triumph beim Großen Preis der USA nicht zur Tagesordnung übergehen. Durch den spektakulären Unfall seines Bruder Ralf fiel der Jubel des Formel-1-Weltmeisters über seinen achten Sieg im neunten Saisonrennen in Indianapolis zurückhaltender aus als sonst. "Die Freude ist etwas gedämpft", gestand der Ferrari-Pilot. Nach der Siegerehrung und den üblichen Pressekonferenzen eilte der 35-Jährige mit Frau Corinna sofort zum Methodist Hospital ins Stadtzentrum, um seinen jüngeren Bruder eine Stunde lang zu besuchen.

Schmerzhafte Prellungen am Rücken

Zu diesem Zeitpunkt stand schon fest, dass Ralf Schumacher den schrecklichen Crash ohne schwere Verletzungen überstanden hatte. Lediglich schmerzhafte Prellungen am Rücken machten dem 28-Jährigen auch am Montag noch zu schaffen. Zur Beobachtung war der Williams-BMW-Pilot über Nacht in der Klinik geblieben. Nach weiteren eingehenden Untersuchungen hat Ralf Schumacher noch am Montag die Klinik verlassen und wollte in seine Wahl-Heimat Österreich zurückfliegen. Ob er beim Großen Preis von Frankreich am 4. Juli fahren kann, ist derzeit aber offen.

"Auto motor sport" hält einen Start Ralf Schumachers in Magny-Cours und auch eine Woche später im englischen Silverstone aber für unwahrscheinlich. Das Unfallopfer habe seinem Bruder Michael und Williams-Teammanager Dickie Stanford bei deren Besuch in der Klinik erklärt, er könne sich überhaupt nicht daran erinnern, ein Rennen bestritten zu haben, schreibt das Fachmagazin in seiner am Mittwoch erscheinenden neuen Ausgabe.

Unfallursache Reifenschaden

Der Grund für den Unfall bei dem durch zahlreiche Kollisionen gekennzeichneten Rennen war schnell gefunden: Ein durch ein Wrackteil eines anderen Autos verursachter Schaden am hinteren Reifen hatte den Crash ausgelöst. Bei etwa 330 km/h hatte Ralf Schumacher die Kontrolle über seinen Wagen verloren und war rücklings in die Betonmauer im Motor Speedway geknallt. Drei Minuten saß er in seinem Wrack, ehe Rettungskräfte ihn versorgten. "Ich hatte den Eindruck, dass das zu lange ist", meinte BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen.

Zweiter Unfall in 10 Monaten

Der Indianapolis-Crash ist Ralf Schumachers zweiter heftiger Unfall innerhalb von zehn Monaten. Im September 2003 war er bei Testfahrten in Monza so schwer verunglückt, dass er beim anschließenden Großen Preis von Italien von Testfahrer Marc Gene ersetzt werden musste.

Während das Unfallopfer in seinem Wagen saß, fuhr Michael Schumacher mehrere Mal an der Stelle auf der Start-und Ziel-Geraden vorbei. "Es war ziemlich heavy, damit umzugehen", sagte der Champion. "In dem Moment war ich extrem geschockt." Erst als ihm sein Team über Funk mitgeteilt habe, dass Ralf alleine aussteigen wollte, die Ärzte ihm aber wegen des Risikos geraten hätten, drinnen zu bleiben, sei er beruhigt gewesen. "Das war das entwarnende Signal."

Ferrari-Star nervenstark

In der für ihn schwierigen Situation bewies der Ferrari-Star aber wieder einmal Nervenstärke. In der Safety-Car-Phase nach dem Unfall fuhr er sofort als erster an die Box, tankte auf, wechselte die Reifen und behielt dennoch die Führung: "Das hat mir beim Sieg geholfen", sagte er. Mit 80 Punkten liegt Michael Schumacher in der WM-Wertung 18 Zähler vor Barrichello. Die Konkurrenz kann das Duo an der Spitze derzeit nicht sprengen.

Williams-BMW erlebt indes die schwierigste Zeit seit der Rückkehr des Münchner Autokonzerns im Jahr 2000 in die Königsklasse. Ohne Punkte kehrt das britisch-bayerische Team von den beiden Nordamerika-Rennen in Kanada und den USA binnen einer Woche nach Europa zurück. "Es hat so viele Querschläge gegeben in den zwei Rennen, wie man sie normalerweise in einer ganzen Saison nicht hat", klagte Theissen.

Disqualifikation von Juan Pablo Montoya

Zum Schock durch Schumachers Unfall kam die Disqualifikation für Juan Pablo Montoya. Es war der dritte Rennausschluss für die Weiß- Blauen innerhalb einer Woche. In Indianapolis war der Kolumbianer um zwei Sekunden zu spät aus seinem Williams-BMW Auto ins Ersatzauto umgestiegen.

Christian Klien im Jaguar war nach einer Startkollision frühzeitig zum Zuschauen verurteilt. Der Vorarlberger fuhr auf den Toyota des Brasilianers Cristiano da Matta auf und schied damit ebenso aus wie der Brasilianer Felipe Massa (Sauber-Petronas) sowie die beiden Italiener Giorgio Pantano (Jordan-Ford) und Gianmaria Bruni (Minardi-Cosworth), die in diese Kollision verwickelt wurden. "Es soll scheinbar im Rennen nicht klappen. Da Matta hatte plötzlich keinen Vortrieb mehr - und ich hatte in der Beschleunigungsphase keine Chance auszuweichen", war der Kommentar des enttäuschten Klien. (APA/dpa)

  • Michael nach einem Besuch bei Bruder Ralf.

    Michael nach einem Besuch bei Bruder Ralf.

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