Sage und schreibe... in Bregenz

22. Juli 2004, 10:34
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Channel Jenny Holzer oder Kunst als be(d)rückendes Mitteilungsblatt - von Gastautorin Petra Nachbaur

Am Wochenende unmittelbar nach Ausstellungseröffnung wirken die ungezeichneten "Truisms" von Jenny Holzer, affichiert auf den Billboards der Bregenzer Seestraße, befremdlich. "Machtmissbrauch kommt nicht von ungefähr", schwarz auf gelb plakatiert, ein Slogan zur EU-Wahl? Mit solchen Ambiguitäten operieren sie von jeher, die berühmten Sätze der Künstlerin, wenn sie deutsch bisweilen auch wenig berühmt daherkommen, hölzern statt Holzer wirken, Mehrdeutiges versimpeln. Die Bildende Schreiberin sieht den Effekt gelassen: "There's always something gained or lost in translation", räumt sie beim Gespräch in Bregenz ein, beharrt aber darauf, ihre Texte auch übersetzt zugänglich zu machen. Entsprechend ihrem Ansatz, möglichst breit zu wirken.

(See)höhepunkt

Drei Tage später erfährt das ausstellungsbegleitende Projekt einen Höhepunkt: Im Montafon, an der Silvretta-Hochalpenstraße auf 2000 m Seehöhe, lassen sich "gschiide Sprüch", wie es ein Besucher sarkastisch ausdrückt, an der Mauer des Vermunt-Stausees lesen. Textmaterial englisch und deutsch, Konzentrat, das, entgegen der "natürlichen" Richtung, die Betonwand hinauffließt, wie um im angestauten Wasser zu münden, unterzugehen, bis zur Unkenntlichkeit verdünnt zu werden.

Acht Mal unterschiedlich verortet, zuletzt auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele, sind die Xenon-Projektionen, die bei Dunkelheit je drei Stunden lang Sprache in die Landschaft werfen.

Poetische Kritik

Der Flüchtigkeit der Installationen entgegengesetzt, in Dauer wie Stofflichkeit, ist die Bestückung von Kunsthaus und Johanniterkirche. Wie in den Projektionen unter anderem ist auch dort "To the 43rd President" von Henri Cole zu sehen. Indoor nicht in Einzelversen, sondern vollständig eingebrannt in einen Baumstamm, deutsch in Bregenz, im Original in Feldkirch. Der Content des stämmigen Bindeglieds zwischen den freiluftigen Xenon-Projektionen und den elektronischen Textbändern findet sich noch ein Mal im Kunsthaus. Als "Blue Tilt" – Neigung, Schräglage – läuft der Text im Winkel eines leeren Stockwerks, das durch die Tönung einen Touch von riesig fremden Fernsehzimmer hat.

Vom redesignten Such-Tool ins Kunsthaus

Zentrum der Ausstellung sind jedoch Jenny Holzers Recherchefunde, die Resultate ihrer Beschäftigung mit Dokumenten der US-Regierung und ihres Geheimdienstes. Die Idee ist geboren als Vorschlag für eine neue Google-Startseite, auf Anfrage des Netzkultur-Magazins "Wired". Nun präsentiert die Künstlerin, mit Genehmigung der "National Security Archives", Material, welches durch den "Freedom of Information Act" erstmals öffentlich zugänglich ist. Inhaltlich kreisen die Papiere um US-amerikanische Außen-, insbesondere Nahostpolitik seit dem zweiten Weltkrieg. Tatsächlich lesbar aber ist nur ein Bruchteil des offengelegten Materials, nicht nur wegen immer noch geschwärzter Passagen. Die Programmierung ist darauf angelegt, die verzweifelte, womöglich zum Scheitern verurteilte Suche nach der richtigen Information zu veranschaulichen. In Bernsteingelb und Rot – beides für die Künstlerin "aggressive" – laufen dreizehn Mal neben- und übereinander Textsprenkel aus 55 verschiedenen Originaldokumenten, transkribiert in die typischen Holzerschen Versalien.

Transparenz ...

Krönung des Ganzen ist die Installation im dritten Stock, "Yellow Floor", wobei Floor für Etage wie für Boden stehen kann: Hier bewegt sich ein Essay des amerikanischen CIA-Mitbegründers Sherman Kent in wieder dreizehn parallelen Textfließbändern rasant am Boden entlang. "Die Lesbarkeit der Welt" ist in dieser Ausstellung ambivalent thematisiert. Holzer gibt die "Informantin", macht transparent, präsentiert brisantes, ehemals geheimes Material sowie die dazugehörige Metaebene, den offiziell intellektualisierten Habitus bezüglich Geheimhaltung versus Offenlegung, Information versus Desinformation, Auskunft versus Verschluss-Sache.

... und Sich Entziehen

Nur dass das Material als praktisch "un-sichtbar" dargestellt wird. "Unbalanced, dizzy" soll sich die BetrachterIn fühlen, wünscht sich Holzer, angesichts des Informationsgeprassels. Und ja: Schwäche befällt dich beim Versuch, den Gehalt der Förderbänder zu entziffern, zu decodieren, was scheinbar unverschlüsselt offenbart wird. Erfordernis, langsam zu schalten, wenn nicht gar zu stoppen, wie es die SupermarktkassierIn oder SchichtarbeiterIn tun kann. Lähmung angesichts der ungerührten Laufgeschwindigkeit, Faszination angesichts des ästhetischen Erlebnisses unredigierter, streng regulierter Textströme, die wie gesteuerte Meeresbrandung angeschwappt kommen und im Nichts versiegen. Bereits ein Stockwerk tiefer mahnt ein Blatt, "die Installation nicht zu betreten", und auch die Aufsicht schreitet sofort ein beim Versuch, sich quasi selbstmörderisch in den dreizehnspurigen Datenhighway zu stürzen. Nicht so Jenny Holzer: "Go along or go against it", stellt sie den BesucherInnen lächelnd frei.

Die Bildende Künstlerin Jenny Holzer, 52, ist mit Text bekannt geworden. Vor allem mit ihren bewegten Leuchtschriften, weltweit spätestens durch die Biennale di Venezia 1990, als sie die ganze Stadt vereinnahmte, inklusive Souvenirstände. Obwohl einer ihrer "Truisms" lautet "WORDS TEND TO BE INADEQUATE", ist sie dem Medium Sprache treu geblieben. Im Internet sind auch ihre fixen Stehsätze, die sie seit den achtziger Jahren im öffentlichen Raum anbringt, flexibel: "Change Beliefs" fordert eine Seite, die es möglich macht, Holzers Sätze zu verändern oder zu ergänzen.

Die Ausstellung "Truth before Power" im Kunsthaus Bregenz ist zu sehen bis 5. September, ebenso die begleitende Installation in der Johanniterkirche, Feldkirch. Ein Katalog und eine limitierte Edition Projektionsbilder werden Holzers Arbeiten für und in Vorarlberg dokumentieren.

  • Jenny Holzer
    foto: schönher
    Jenny Holzer
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