Die Rosenschwenker machen Tempo

16. Juli 2004, 18:47
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Die Geschwindigkeit, mit der die Führer der "Rosenrevolution" die Kaukasus-Republik einen, verblüfft selbst die Georgier

Tiflis/Wien - Die ersten 70 Kilometer Asphaltstraße auf dem Weg in die Hauptstadt gibt es eigentlich nicht. Auch die Telefonleitungen führen oft genug ins Nirgendwo. Ein Ortsgespräch kostet dafür nichts in Tiflis. Wie schon zu Sowjetzeiten. Wer schließlich bei der Regierung vorsprechen will, braucht immer noch einen Passierschein und sehr viel Geduld. Nur ungern lassen sich die Damen am Empfang beim Zurechtschneiden von Papierwerk stören.

Zwölf Jahre hat Georgien die trübe sowjetische Kulisse konserviert, während die Mafia Kapitalismus spielen durfte. Dann kam die "Rosenrevolution" im vergangenen November. Seither erfindet die Regierung des jungen Staatschefs Michail Saakaschwili jeden Tag die Welt neu.

Bauingenieure vermessen gleich hinter Batumi, nahe der türkisch-georgischen Grenze, die Hauptstraße nach Tiflis und lassen emsig Gruben ausheben. Aslan Abaschidse, Herrscher des kleinen Lügenreichs Adscharien, hat sie zerfallen lassen und wollte seinen Untertanen doch immer weismachen, sie lebten in einer Oase des Wohlstands, geschützt vom Chaos im restlichen Georgien. Vergangenen Mai spülte eine weitere Episode der "Rosenrevolution" den Lokalpotentaten fort. Abaschidse hatte sich mit Zolleinnahmen und Schmuggelgeschäften im Schwarzmeerhafen Batumi und am Grenzübergang Sarp zur Türkei die Taschen voll gestopft. Jetzt sitzen auch neue Grenzbeamte in den heruntergekommenen Zollhäusern in Sarp. Verwundert berichten die türkischen Lastwagenfahrer von 20 Lari - etwa zehn Dollar - Bearbeitungsgebühr für die Verzollung der Waren, die sie täglich ins Nachbarland bringen. 200 bis 500 Dollar Schmiergeld wurden ihnen früher abgepresst.

Die Rückkehr der Provinz Adscharien hat die Reformer in Tiflis elektrisiert. Sie war ihr erster großer politischer Erfolg und eine Bestätigung der gewaltlosen Revolution, von der böse Zungen behaupten, sie sei von dem US-Milliardär und Menschenfreund George Soros finanziert worden, die Lieferung Hunderter Rosen ins damals winterliche Tiflis inklusive. Mit diesen Rosen in der Hand waren Saakaschwili und seine Mitstreiter in die konstituierende Sitzung des Parlaments gestürmt und hatten Staatschef Eduard Schewardnadse, dem sie Wahlfälschung vorwarfen, zur Flucht gezwungen.

Alles wie im Kino

Für die Vertreter der zahllosen demokratischen Institute, Zentren, Beobachtungsstellen oder Bürgervereinigungen, die wie die Soros-Stiftung in dem Jahrzehnt der Stagnation unter Schewardnadse eine politische Nebenwelt in der Kaukasusrepublik aufbauten und nun zum Teil in die neue Regierung wechselten, lässt der Erfolg des Aufstands diese Vorwürfe verblassen. "Georgien ist die einzige unter allen früheren Sowjetrepubliken, die erklärtermaßen eine Revolution gegen die Korruption losgetreten hat", sagt Ketevan Rostiaschwili. Sie leitet das georgische Büro des "Transnational Crime & Corruption Center" in Washington.

Für die Georgier ist alles wie Kino, seit der 37-jährige Saakaschwili und seine politischen Freunde an den Schaltern der Macht sitzen. "Ich bin beeindruckt von der Geschwindigkeit", sagt Rostiaschwili. Es ist der Tag, an dem der Innenminister tausend Soldaten an den Kontrollpunkten zu Südossetien aufziehen lässt und den russischen "Friedenstruppen" dort, die am Schmuggel aus der georgischen Separatistenprovinz erheblich mitverdienen dürften, die Stirn bietet.

Der British Council, eigentlich der kulturpolitische Arm der britischen Regierung im Ausland, stellt mittags seinen Einjahresplan zur Reform der Staatsanwaltschaft in Georgien vor, und fast nebenbei wird noch ein neuer Wirtschaftsminister ernannt, der russische Oligarch Khaka Bendukidse. Er bekommt kurzerhand die georgische Staatsbürgerschaft verliehen, wie vor ihm schon Salome Surabaschwili, die Außenministerin, die vergangenen Herbst eigentlich als französische Botschafterin nach Tiflis gekommen war. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2004)

von Markus Bernath
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    Michail Saakaschwili auf einem Wahlplakat in Adschariens Hauptstadt Batumi

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