Wenn der Schauer in den Tennisschuh rinnt

21. Juni 2004, 21:09
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In Wimbledon wird Tennis gespielt, natürlich auf Rasen - Roger Federer ist Favorit - Jürgen Melzer muss sich mit Hewitt quälen

Serena Williams hat sich bereits eingeschleimt. Sie verfolge, obwohl Amerikanerin, mit regem Interesse die Fußball-EM. Von der englischen Mannschaft sei sie total begeistert, speziell David Beckham sei der absolute Wahnsinn. "Ich mag ihn sehr, ich liebe ihn." Aber er ist doch verheiratet? "Macht nichts, ich liebe ihn ja nicht so, sondern so. Als Athleten. Ich mag auch seine Frau Victoria. Sie hat nichts zu befürchten, haha." Wimbledon begann spektakulär, abgesehen davon sind die Beckhams zu allem fähig.

Vom speziellen Gefühl

Die Titelverteidiger Serena Williams und Roger Federer fabulierten am Tag vor den ersten Ballwechseln, kein Klischee wurde ausgelassen. Es sei das größte Tennisturnier, ein Heiligtum, das Mekka, eine Kathedrale. Man spüre und atme förmlich die Tradition und das acht Millimeter hohe Gras, kalter Schauer laufe einem beim Betreten des Centre Courts über den Rücken bis in den Tennisschuh rein. Der Regen gehöre dazu, detto die Erdbeeren. Das Tragen von weißer Kleidung (zu 75 Prozent, man hat das Reglement gelockert) sei auch okay, man könne ja den Rest des Jahre wie ein Kanarienvogel umherirren. Federer, der heute gegen den Briten Alex Bogdanovic eröffnet: "Es ist ein spezielles Gefühl. Nun bin ich der Gejagte, das ist für mich eine neue Erfahrung. Ich nehme diese Rolle gerne an. Jeder zeigt großen Respekt vor mir."

Die 118. All England Lawn Tennis Championships bieten freilich nicht nur die Titelverteidiger an. Das taten die anderen Auflagen - die erste ausgenommen - auch. Martina Navratilova tritt nach zehnjähriger Pause diesmal im Einzel an. Zum letzten Mal hat sie sich und der Welt versprochen, man freut sich irgendwie aufs 119. Turnier. Die 47-Jährige startet/endet gegen die Kolumbianerin Castano. Andre Agassi, Gustavo Kuerten sowie die Belgierinnen Kim Clijsters und Justine Henin-Hardenne fehlen im Aufgebot, sie sind verletzt, können nicht ausgebootet werden. Wimbledon wird es gewiss überstehen, es hat sich von Namen losgelöst.

Henman und der Titel

Wann Tim Henman scheitert, ist völlig offen. Tipp: spätestens im Halbfinale gegen Andy Roddick. "Do it" schreiben die hiesigen Zeitungen Jahr für Jahr, Henman verwehrt aber konsequent den Titel in seinem Heimturnier. Medial ist er durch die EM entlastet. Sollten die englischen Kicker lange in Portugal verweilen, woran Serena Williams glaubt, hätte Henman relativ wenig Stress. Im Sinne von: Ein Zeitungskiosk ist halt doch kein Spiegelsaal.

Drei Österreicher - Jürgen Melzer, Stefan Koubek und Julian Knowle - sind bereits am Montag im Einsatz. Melzer bekommt schon wieder Lleyton Hewitt (Wimbledonsieger 2002) vorgesetzt, das Vergnügen dürfte eher auf des Australiers Seite liegen. Es ist das dritte Duell binnen sechs Wochen, jenes in Hamburg und das bei den French Open gewann Hewitt. Was an Melzer nicht spurlos vorbei gegangen ist. Zumal seine Schulter verletzt war, er kaum trainieren konnte. "Ich habe keinen Aufschlagrhythmus." Was speziell auf Rasen ein nicht zu vernachlässigender Nachteil sein dürfte. "Trotzdem glaube ich an die Chance. Vielleicht ist sie größer als auf Sand."

Österreichische Favoriten

Koubek und Knowle sind fast Favoriten, ihre Aufgaben heißen Jose Acasuso und Alejandra Falla. Mehr darf man vom Leben nicht erwarten. "Gutes Los", sagten beiden. Es klang demütig. So, wie es sich in Wimbledon gehört. (DER STANDARD Printausgabe 21.06.2004)

Christian Hackl aus Wimbledon
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