Der Sitz der Menschlichkeit

25. Juni 2004, 18:19
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US-Forscher glauben, hinter jenes Geheimnis gekommen zu sein, das den Menschen zum Menschen macht: spezifische Hirnzellen, die ihn im sozialen Gefüge so agieren lassen, wie er es tut

London/Wien - Ist das Wesen des Menschen auf molekularer Ebene zu ergründen? US-Forscher geben mit ihren im britischen New Scientist publizierten Erkenntnissen jedenfalls genug Anlass, darüber nachzudenken: Ein spezifischer Zelltyp mache den Menschen zum Menschen.

Erklärungsmodelle für das menschliche Wesen - hier nur auf das Sein, nicht auf Sollen bezogen, was es aber auch nicht einfacher macht - sind Legion. Zwei exemplarisch Herausgegriffene bilden vielleicht eine Synapse zum jüngsten neurologischen Wissen: Der französische Philosoph René Descartes, nachdem er zur Einsicht gelangt war, dass einzig der Zweifel selbst unbezweifelbar ist und daher zumindest diese Form des Denkens gewiss ist, folgerte: "Cogito ergo sum."

Doch Zweifel respektive Denken sind zunächst einmal individualistische Wesensmerkmale, müssen die Interaktion des Menschen in einem komplexen sozialen Gefüge, die Kommunikation im weitesten Sinne, nicht unbedingt berücksichtigen. Aus diesem Grund knüpfte auch der Wiener Germanist Wendelin Schmidt-Dengler an Descartes wohl bekanntestes Zitat an und führte dieses weiter zu: "Ich diskutiere, also bin ich."

Wo nun die Synapse sein soll? Sowohl für das individuelle Denken als auch für die sozialen Kommunikation spielen die in den USA entdeckten Gehirnzellen eine essenzielle Rolle: Spezielle Neuronen, so genannte Spindelzellen, die eigentlich nur im menschlichen Gehirn - in unbedeutendem Ausmaß nur noch in den Hirnen seiner engsten Verwandten, der Menschenaffen - vorkommen, sollen die neurologische Basis für "typische" menschliche Eigenschaften wie Liebe, Schuld und Empathie bilden.

Entdeckt wurden diese Zellen von einem Forscherteam am Mount Sinai Medical Center in New York. Und zwar im "cingulären Cortex" (CC), einer evolutionär betrachtet sehr alten Hirnregion.

Dann tat sich das Team mit dem Histologen John Allman vom California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena zusammen. Es wurden die Zellen in den Hirnen von mehr als 50 Spezies gesucht - neben dem Menschen jedoch nur in ganz geringer Zahl noch bei Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans und Bonobos gefunden. Beim Menschen dafür in einer weiteren Region: im "frontoinsularen Cortex" (FI).

Die Forscher glauben nun, dass diese Spindelzellen beim Menschen ein hochleistungsfähiges Interface zwischen den beiden Hirnbereichen darstellen: Der CC diene laut ORF-Sciencechannel als zentraler Knotenpunkt zwischen Denken, Emotion und der Reaktion des Körpers auf das, was das Gehirn verspürt. Der FI wiederum zeigte in Studien Aktivität, wenn eine Person feststellte, betrogen worden zu sein. Auch im Gehirn von Müttern sei er aktiv, wenn diese ein Kind schreien hören. Und zwei Forscher vom University College in London schließlich konnten zeigen, dass FI und CC aktiv waren, wenn Probanden Bilder geliebter Personen betrachteten.

Da all diese Reaktionen Werturteile innerhalb eines sozialen Kontextes repräsentierten, glaubt Allman laut New Scientist, dass Spindelzellen Sitz der "komplexen sozialen Emotionen" seien und damit den Menschen zu dem machen, was er ist. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 6. 2004)

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