Griechisches Windspiel

20. Mai 2005, 10:07
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Karpathos - Gegenwart wie Vergangenheit der Insel, die zwischen den Touristenmagneten Kreta und Rhodos liegt, geben sich still. Trotzdem offenbart eine Umrundung – schnell vollbracht – Erstaunliches.

Allenthalben blecherne Schilder, zerfressen wie die karstige Landschaft, manche rostig verschwommen, noch bunt bebildert andere. Ein brennendes Zündholz, giftig grelllodernd, und dahinter noch mehr Brennendes: Waldbrandgefahr. Für einen großen Teil von Karpathos kommt diese Warnung allerdings zu spät. Doch derzeit sind alle Brandwunden verheilt, und mancherorts, noch selbst an den ungangbarsten Steilhängen, gibt sich die Insel wohlgeordnet und olivenbaumbepflanzt hinter aufgeschichteten Terrassen. Aber an vielen Stellen schon hat die Natur sich leichtfüßig über solche Hindernisse hinweggesetzt, hat eingeebnet und manches wild überwachsen.

Im Sommer jagt der Meltemi, ein kühler Nordwind, durch die ägäischen Archipele und wirft Schaumkronen an die Küsten. Auch Karpathos umfängt er kraftvoll und läßt monatelang nicht mehr los. Und dann bleibt den Bäumen nur noch übrig, sich zu ducken, zum steinigen Boden hin, und den Menschen, die Schultern hochzuziehen, wenn sie in den Schatten unterhalb der Mauern sitzen.

Gegenwart wie Vergangenheit von Karpathos geben sich still. Wer sich ein wild quellendes Durcheinander geschichtlicher Zeugnisse erwartet, so etwas wie allerorts mächtig aufragende, zeitzerfressene Säulen und Kapitelle, der wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein – nichts, was buntbebilderte Geschichtsatlanten zieren könnte. Vielleicht weil die Insel im Denken geopolitischer Strategen zu sehr im Abseits lag.

Unruhe und Stille

Minoer und Mykener gab es wohl auf Karpathos – und Römer, Venezianer und Türken. Und schließlich Italiener und sogar Deutsche. Die Insel sprang in einem wirren Lauf durch die Geschichte, von _einem zum anderen, aber viel ist von keinem geblieben. Erst 1948, mit dem Anschluß ans Mutterland, an Griechenland, scheint sie ein wenig Ruhe gefunden zu haben.

Pigadia, die Hauptstadt: angenehm verhalten, weil noch nicht über sich selbst hinausgewachsen. Noch fließt griechische Musik aus den Restaurants am Hafen, noch kann man schlendern und Schlendernden zusehen. Noch kann man beschaulich durch den Hafen laufen, die Blicke an den rostigen Rümpfen verwitternder Frachter hinaufklettern lassen, und die so wohlbekannt bunten Fischerboote betrachten, wie sie tuckernd um die letzte Landzunge kommen, von irgendwo draußen her, beladen mit Körben voller Fische. Später legen sie dann ihre langen Netze goldgelb über den Kai.

Bleibt der Sommer lange heiß und staubdurchsetzt, und hat auch der Winter davor keinen Regen gebracht, dann verkümmern viele Quellen zu krautigen Lacken. Die Straße über die wolkenverhüllte Barriere der Berge zur Westseite der Insel ziert und windet sich, vorbei an manch Bestaunenswertem, an schmucken Dörfern mit Mühlen wie plumpe Urtiere, mit keck über die Steilwände gesetzten Kirchen und dem winkelreichen Gewirr der Häuser.

Blaugesprenkelt das Land mit seinen Türen, Kuppeldächern und – Bienenstöcken. Und es will scheinen, als hätten mit dem Blau die Menschen das Meer hineingetragen ins Innere der Insel, damit die Erinnerung daran nicht vergilbt, damit sie nicht vergessen, daß es rundum liegt. Fortsetzung von Seite 1

Vieles wirkt gepflegt, kein Wunder, ist doch vor Jahrzehnten ein Großteil der Bevölkerung ausgewandert, weil es auf Karpathos kaum Arbeit, kaum Zukunft gab. Nach Italien, nach Amerika. Viel von dem dort gemachten Geld fließt zurück und erlaubt relativen Wohlstand.

Aber noch ziehen die Händler auf lärmenden Wägen über die Berge, durch die Dörfer, und dann laufen sie zusammen, die Alten, geben von ihren Neuigkeiten und holen sich die der anderen. Weltumarmende Urlaubs_euphorie könnte sich einstellen, wäre da nicht stumpfe Hoffnungslosigkeit auf manchen jungen Gesichtern, weil sie keine Chance auf ihr Leben haben, hier oben zwischen den spröden Mauern der Gebirge und Traditionen, und man wird gewahr, daß hinter der Idylle bisweilen Dumpfheit und Verzweiflung lauern.

Im Westen der Insel, da zeigt das Meer, was es kann, da wirft es sich ungestüm gegen die Steine und über den Strand und braust und brodelt und sammelt neue Kraft. Eine Umschiffung der Westseite, über zerrissenes, unruhiges Wasser unter den hellen Klippen: Betroffenheit beim Stampfen durch Wogen schillernder Plastikfetzen, minutenlang, wie durch riesige Schwärme aufgerissener, blinkender Fischleiber. Bei Pigadia, Achata und Amoopi, da haben die Strände Glück – oder besser: Sie haben Wind. Der steigt jaulend vom Felsgewirr der Berge herunter, wirft sich durch Schluchten und über Schotterfelder und fällt schließlich her über das Meer und treibt Teerklumpen und schimmerndes Plastik vor sich her, weg vom Land.

Othos und Olympos

Das Ende des Tages trifft _einen im Hafen von Lefkos, winzig und doch fast zu groß für die wenigen Boote. Hier steht die Zeit still in den gleißend heißen Sommern, und schlügen nicht die Wellen an die Kaimauer und überzögen die Felsen dahinter mit glitzerndem Schaum, dann würde hier nichts passieren, gar nichts.

Harpas lebt in den Bergen oben, in Othos. Sein Leben begann in Traditionen, einem Sohn des Ortes entsprechend. Erst war er Schuster, dann Friseur. Und dann wurden seine Wut und seine Verzweiflung zu groß, weil er das alte Leben, sein Leben wegfließen sah, und er fing an zu malen: die Feste, die Arbeit, das Leben und Sterben. Was Karpathos war, naiv und farbenfroh, seine Erinnerungen. Und wurde zum Chronisten seiner Zeit und der Insel.

Man nimmt ein klein wenig Nachdenklichkeit mit auf die Weiterfahrt nach Olympos. Die Straße ins Dorf, von der einen Küste hinauf, so weit, daß man über die wolkenüberzogenen Kämme schon wieder auf die andere hinunterblickt, ist asphaltiert. Solches läßt Risse ziehen über ein vorgefertigtes Bild im Kopf, und fortan sieht man es als Paradoxon: Hier kann Anachronismus bestehen, weil er mit der Zeit geht – ohne Touristen wäre das Dorf nicht mehr, wäre längst mit den ins Tal fließenden Schuttströmen mitgerutscht.

Man kann nicht immer nur von Ziegen leben, sagen die Leute in den Dörfern. Manche der Alten in Olympos sind geblieben, wer sie waren, froh, bleiben zu können. Wie der Schuster, dem die Jahre gnadenlos ins Gesicht gegraben sind. An seinen Lederstiefeln, da macht er alles noch mit der Hand, da läßt er sich fußtretend nur von seiner taubschwarz gealterten Singer-Nähmaschine helfen. Über ihm an der Wand Fotografien, vergilbende Zeugen seines Lebens, und Postkarten.

Idylle und Abgrund

Am Kamm oben, wo es nicht mehr höher geht, wo die Schreie der Möwen heraufbranden, über die gebleichten Felsen und die ersten kalkweißen Mauern, durch Kanäle verwinkelter Stiegen, dort hocken die Mühlen in einer Reihe wie fette Raben und stemmen sich stampfend gegen den Wind. Eine Alte, zerbrechlich greisenhaft, leert Getreide auf den Mühlstein. Sie lebt unter dem Blechdach der Mühle, in dem Gewirr der hölzernen Achsen, längs und quer, mit dem Brummen und Stampfen, wenn der Wind in das tuchbespannte Windrad fährt, und mit seinem Zittern. Für sie ist es der Herzschlag des Windes. Sie lebt damit, seit sie sich erinnern kann.

Die Ladefläche eines Transporters und schließlich die eigenen Schuhsohlen werden zu einer Rolltreppe in eine andere, unerwartete Welt: In Vroukounda feiert man das Fest des Heiligen Johannes. Das läßt die Menschen aus den Dörfern heranströmen, mit ihren Säcken und Koffern, den gerollten Decken und Matratzen, mit Körben voller Essen. In riesigen, schwarzgebrannten Töpfen kochen sie Fleisch, sie schneiden Gemüse und Brot. Die Frauen, die zeigen, was sie sind und was sie haben, die legen sich ihre bunten Röcke an, die farbgesäumten Kopftücher und die goldenen Schmuckketten: Es ist ihr Fest.

Eine Melodie setzt ein, ertönt unaufhörlich, begleitet vom Gesang der Männer, und der Tanz beginnt in langen Reihen. Stundenlang gleiten die Füße langsam, erst spät in der Nacht wird der Rhythmus schneller und treibt die Schritte an, immer wirbelnder das Drehen, wird ein Springen, einzelne brechen aus der Reihe, fließen zurück, und dann andere und immer wieder. Sie singen und tanzen bis zum Morgen, und man selbst hat das Ende schon gar nicht mehr erlebt und sich an den Strand gelegt, das Wellenschlagen mit der Musik sich mischen lassen unter einem riesigen, unwirklichen Sternenhimmel.

Die Fortsetzung des Tanzens dann bei der Rückfahrt übers Meer. Und wieder das schrittweise Tasten, das Suchen, das Finden, Trennen und Wiederfinden – auf einem stampfenden Deck unter dem jagenden Wind und der grellen Sonne. Weil man die steinige, heiße Welt mit ihren baumleer-kahlen Flächen für kurze Zeit verlassen hat. Und weil das Leben hier draußen, auf dieser riesigen blauen Fläche ohne Rand, ohne Boden, dann manchmal so leicht wird, so haltlos leicht. ( Der Standard, Printausgabe)

Von Albert Kostner
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