Ein warmes Nest für Zugvögel

20. Mai 2005, 10:07
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Es beginnt warm zu werden, und die Masse der Urlaubsgäste ist noch weit. Kreta abseits von Massentourismus und FKK-Internationale

Nach den afrikanischen Schwalben zog es die Kurgäste der griechischen Antike und schließlich einige schräge Vögel westlicher Industrienationen ins südkretische Lentas. Unter dem Namen Levin war der abgeschiedene Fischer-und spätere Szeneort nämlich ein antikes Heilbad und entwickelte sich während der 80er Jahre zum Geheimtip der Ouzo/Backgammon/ FKK-Internationale. Reste eines Asklepius-Tempel und hübsche Mosaiksteinchen können heute noch bewundert werden, doch in der Haupsache interessieren urige Tavernen und die geschützte Lage zwischen zwei Vorgebirgen.

„Unser mildes Klima garantiert neben einer ganzjährigen Tomatenernte auch überwinternde Schwalben,“ wirbt Tavernenwirt Odysseas für seinen klein gebliebenen Heimatort.

Selbstgebastelte Rohrhütten

Die beengte Lage hat hier den Bauboom in Grenzen gehalten, und so säumen weiterhin selbstgebastelte Rohrhütten die größere, kieselige Strandschläferbucht hinter Lentas westlichem „Löwenkap“. Günstige Witterung für winterliche Zugvögel herrscht auch weiter östlich, wo sich die reicheren Weinbauern von Kasteliania oder Demati ihre eigenen Feriensitze gebaut haben – und zwar in einer Gegend, die Europas meiste Sonnentage aufweist. „Von Mai bis August sind hier kaum Einheimische zu sehen“, erläutert ein Bauer die Situation vor Ort. „Doch dann gilt der südöstliche Küstenabschnitt auch als Backofen Kretas.“

Gelbe Felder

Entlang der Schotterstraße zwischen Tsoutsouros und Mirtos wechseln schöne Strände, beschauliche Olivenhaine, verfallene Steinhäuschen und Margeritenfelder mit Ausblicken auf das häßliche Plastik der Gewächshäuser. Je näher man Ierapetra, dem einzigen nennenswerten Ort der Südküste, kommt, desto überlaufener sind die einzelnen Orte.

Das urige Keratokambos, mit Kirche, Tamarisken und improvisierter Promenade plus beschaulichen Bänkchen ausgestattet, und das weit stärker verbaute Arvi zählen hier zu den beliebtesten Orten der westeuropäischen „Überwinterer“. Ein Küstenweg verbindet die dazwischenliegenden Buchten und Sandstrände, und wackelige Tavernenstühle wett_eifern mit dem Blau von Himmel und Meer.

Ein lohnenswertes Ziel sind aber auch die Ruinen der mittelalterlichen Burg Keratokastello, die in immerhin 600 m Höhe einst das Hinterland beherrschte. Östlich von Mirtios verdichten sich die Glashäuser zu großflächigen „Plastikseen“, unter deren glitzernden „Wellen“ die Gurken ruhen. Von der Ferne betrachtet, erinnern sie an das Werk des Verpackungskünstlers Christo. Kretas größter Gemüsegarten erstreckt sich hier. Seit der niederländische Agrarwissenschafter Poul Kuipers – auch er ein früher Aussteiger – den Bauern die Geheimnisse des Treibhausbaus beibrachte, prosperiert die gesamte Region.

Durchschnittliche Jännertemperaturen von 13 Grad Celsius (auch das ein Europarekord!) ermöglichen ganzjährige Ernten, und nach dem Erfolg mit kretischen Bananen experimentieren die Bauern nun auch mit Kiwis und Avokados. Dementsprechend reich wirkt der 9000-Seelen-Ort Ierapetra, der während der Antike ein Hauptumschlagplatz für den Handel mit Afrika war.

Venezianisches Kastell

Der kleine Fischerhafen hinter dem venezianischen Kastell aus dem 13. Jh. ist heute längst nicht mehr das Zentrum der modernen Stadt, die neben einem kleinen Archäologischen Museum mit eindrucksvoll bemalten spätminoischen Sarkophagen, einer kleinen, aber feinen Markthalle und einem pittoresken türkischen Viertel auch die Erinnerung an Mademe Hortense, die eigentlich Adeline Guitar hieß, beherbergt. Bereits im Jahre 1916 kam sie aus Marseille hierher und wurde vom Schriftsteller Nikos Kazantzakis als Kretas legendärste Mätresse und Geliebte des Alexis Sorbas verewigt. Das berühmte Freudenhaus der „Madame“, ein türkisches Holzhaus mit Café und Konfektladen, steht heute leider nicht mehr. Und auch das 10 km weiter östlich gelegene Ferma, ein Originaldrehplatz der Sorbas-Verfilmung, hat sich verändert.

„Sieh! Dort hinter den Gärten, in der Schlucht! Ein gutes Dorf! Das reine Schlaraffenland: Jonannisbrot, Gemüse, Öl, Wein. Und dort im Sand reifen schon im Frühjahr die ersten kretischen Gurken. Der Wind kommt aus Afrika und läßt sie schneller wachsen. Wenn du nachts im Garten schläfst, hörst du sie knarren – krr! krr! krr!“ So würde Alexis Sorbas angesichts der dichten Verbauung hier heute wohl nicht mehr sprechen.

Kretische Tänze

Bei Alexis Sorbas kommt unweigerlich der Gedanke an kretische Tänze auf. Im Tanz drücken die Griechen ihren Seelenzustand aus. Aber nicht nur Freude, nein auch Trauer, Wut und Schmerz kommen da an die Oberfläche. Nicht ungewöhnlich sind deshalb Einzeltänzer, die mitgerissen von der Lyra-Musik aufstehen. Solche Emotionen sind keine Volksbelustigung, und man sollte sich nicht über Gebühr einmischen. Es handelt sich nicht um Publikumsdemonstrationen für Touristen, die es anderswo gewohnt sind, den Sirtaki mitzustampfen. In den Tavernen nämlich, die mit Schildern wie „Greek Music“ oder „Tonight Cretan Dance“ werben – das sind rein kommerzielle Veranstaltungen, ausschließlich für Touristen gemacht.

Die Kreter treffen sich zum Essen, Trinken und anschließendem Tanz in den sogenannten „Kritika Kentra“, von denen es in jeder größeren Stadt mehrere gibt. Aus gutem Grund liegen sie zumeist einige Kilometer außerhalb – der Lärmpegel ist erheblich und die Lyra- und Laoutomusik meist elektrisch verstärkt. Wer sich dort jedoch etwas im Hintergrund hält, der kann die Kreter in ihrem Element erleben. Die Stimmung schäumt über, und eine spontane Einladung, den Tanz mitzumachen, sollte man da nicht ausschlagen. (Der Standard, Printausgabe)

Von Robert Haidinger
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