Die prekäre Suche nach Stabilität

21. Juni 2004, 19:30
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Zeiten der Globalisierung erfordern Imperien wie die USA, um nicht ins Zeitalter der Wikinger zurückzufallen, analysiert Niall Ferguson

Um nicht ins Zeitalter der Wikinger zurückzufallen, brauche die Welt in Zeiten der Globalisierung ein Imperium wie die USA, behauptet der britische Historiker Niall Ferguson in seinem jüngsten Buch. Bert Rebhandl sprach mit ihm.


DER STANDARD:  Es gibt im Moment viele Versuche, die Geopolitik verständlich zu machen. Die Antike erscheint dabei sehr vielen als besonders passendes Modell. Ein Bestsellerautor wie Robert Kagan findet Analogien im Peloponnesischen Krieg, das Imperium Romanum wird mit den USA verglichen. Wie deuten Sie das?

Niall Ferguson: Ein amerikanisches Publikum, das sich den Film Troja ansieht, mag vielleicht auf die Idee kommen, dass die USA ein Imperium im klassischen Sinne sind - was nicht der Fall ist. Wir müssen vorsichtig bei Vergleichen sein. Wir haben 67 Imperien in der Weltgeschichte, 68, wenn man die EU dazurechnet. Die USA haben die römische Charakteristik, die Bevölkerungen anderer Länder zu amerikanisieren - so wie die Römer zu ihrer Zeit die Legionen mit Spaniern besetzt haben. Andererseits ist das amerikanische Imperium ein Freihandelsimperium, und das ist wiederum sehr britisch.

DER STANDARD:   Dreht sich die Geschichte im Westen nicht auch um die Frage, welche politische Einheit am besten funktioniert? Spricht da nicht vieles für den friedlichen, nicht expandierenden Nationalstaat?

Ferguson: Die Amerikaner sehen das eigentlich auch so. Das Imperium machen sie unbewusst. Sie behaupten, sie wären keines. Die Frage, ob der Nationalstaat die beste Möglichkeit einer politischen Organisation ist, scheint mir aber offen zu sein. Es war für Woodrow Wilson sehr einfach nach dem Ersten Weltkrieg, die Welt nach dem Prinzip selbst bestimmter Nationalstaaten zu organisieren. Aber in Mittel- und Osteuropa hat das nicht gut funktioniert, vom Nahen Osten nicht zu reden. Die beste politische Struktur für die Welt ist möglicherweise das Imperium - und wir müssen zwischen liberalen oder tendenziell totalitären Formen wählen.

DER STANDARD:   War der Irakkrieg der Krieg eines Imperiums oder ein imperialistischer Krieg?

Ferguson: Imperialistisch als Begriff ist ein negatives Wort, man sollte es nur benutzen in der Tradition von Lenin. Es ist kein imperialistischer Krieg, denn die wirtschaftlichen Motive sind zweitrangig. Auch wenn man vielerorts noch glaubt, es ginge um Öl. Wir kennen aber die Beispieltheorie der Neokonservativen. Sie wollten den Irak zu einer Vorbilddemokratie im Nahen Osten machen. Das war viel wichtiger für Bush, Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz. Niemand in Washington im Frühling 2003 schien von der britischen Erfahrung im Irak irgendetwas lernen zu wollen. Der Neokonservatismus ist eine trotzkistische Ideologie.

DER STANDARD:  Wie viele Imperien können nebeneinander bestehen, ohne in tödliche Konkurrenz zu geraten?

Ferguson: Eines besteht schon seit Jahrhunderten: China. Die Minderheiten sind sehr zahlreich. Das chinesische Imperium hat viel besser die wirtschaftlichen Probleme einer Planwirtschaft überlebt als das sowjetische System. Statt eines Konflikts der Kulturen oder eines Gleichgewichts der Imperien halte ich Machtvakuen für möglich. Das amerikanische Imperium scheint so schwach zu sein, so unsicher, dass eine weitere Ausdehnung unwahrscheinlich ist. China ist wirtschaftlich zu unsicher, es wird bald eine Krise geben. "Emerging Markets" machen das einfach. Die EU - Europa hat seine eigenen wirtschaftlichen und politischen Probleme, aber es ist ein imperialistischer Erfolg, auch wenn man ihn Erweiterung nennt.

DER STANDARD: Ist in Europa vielleicht die Institutionendynamik zu langsam?

Ferguson: Wie man sieht, sind die Institutionen auf eine Konföderation zugeschnitten, auf einen Staatenbund, nicht auf einen Bundesstaat. So bleibt es unmöglich, eine gemeinsame Außenpolitik zu haben.

DER STANDARD:  Wäre ein EU-Beitritt der Türkei Brückenschlag oder imperiale Überdehnung?

Ferguson: Ich bin stark dafür, dass die Türkei die Möglichkeit zum Beitritt bekommt. Die EU ist eine Wirtschaftsunion, darum geht es allein. Das können wir auch mit der Türkei unternehmen, auch wenn die türkische Wirtschaft sehr verschieden ist. Die relativ junge türkische Bevölkerung könnte der sehr überalterten westlichen Bevölkerung helfen. Strategisch muss es sinnvoll sein, dem Nahen Osten diese Möglichkeit zu eröffnen.

DER STANDARD:   Über das neuzeitliche Russland hat ein Historiker geschrieben: Es war ein Imperium, das nie eine Nation war. Gilt das auch für die USA?

Ferguson: Die Schwäche der USA ist, dass soziale und medizinische Sicherungssysteme unterfinanziert sind. Eine Krise nach dem Rückzug der Babyboomer aus dem Arbeitsleben ist wahrscheinlich. Die Stärke der USA ist aber ein Nationalbewusstsein, das schon in der ersten Generation von Einwanderern greift. Wie schnell man Amerikaner werden kann, verblüfft mich immer wieder. STANDARD: Was unterscheidet "Imperium" von "Empire", jener Chiffre, die Antonio Negri und Michael Hardt für eine neue Weltmacht verwenden? Ferguson: Das Empire von Negri und Hardt ist ein kulturell-technisches Netzwerk, das möglicherweise eine Alternative zu traditionellen Formen von Macht darstellt. Gegen-Empire, das wäre der bessere Begriff, denn wir haben in unserer Welt schon ein traditionelles Empire, das der USA. Hardt und Negri hoffen als Postmarxisten einen Widerstand gegen dieses Imperium entdeckt zu haben.

DER STANDARD:  Ist dieses "Empire" nicht eher eine Metapher für ein Subjekt der Globalisierung?

Ferguson: Zuerst müssen wir die Globalisierung verstehen. Wir müssen Geld investieren, um das Wachstum der Produktivität in neuen Märkten zu finanzieren - in Osteuropa, in Asien. Unsere eigene Produktivität wächst zu langsam. Wir sind mit unserer Altersstruktur nicht in der Lage, es wirtschaftlich allein zu schaffen. Die Deutschen erleben diese Krise stellvertretend für uns alle zuerst. Japan hat das auch schon spüren müssen.

DER STANDARD:  Steigen die Risiken in der Globalisierung?

Ferguson: Die Gefahr einer weiteren großen Depression ist im Moment relativ klein. Ohne Imperium, ohne eine politische Globalisierung ist die wirtschaftliche Globalisierung aber keineswegs stabil. Die Märkte der Welt brauchen Sicherheit, um zu funktionieren. Ich vertrete die These, dass Globalisierung auf Dauer ohne Imperium nicht machbar ist. Wann hat es denn eine Welt ohne Hegemonie gegeben? Im 9. und 10. Jahrhundert vielleicht. Kein wünschenswerter Zustand. Das war nur für Wikinger gut.


Zur Person

 Der Brite Niall Ferguson (41) lehrt als Historiker in Oxford und an der New York Universi- ty. In seinen Untersuchungen spielen ökonomische Fragen eine wichtige Rolle. Er wurde mit einer kontroversen Deu- tung des Ersten Weltkriegs be- kannt ("Der falsche Krieg") und forschte über "historische Al- ternativen". Das aktuelle Buch "Das verleugnete Imperium" ("Colossus"), erschienen bei Propyläen, ist eine Analyse der US-Weltpolitik. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19./20.6.2004)

  • Niall Ferguson analysiert Imperien.
    foto: propyläen verlag

    Niall Ferguson analysiert Imperien.

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