Ernst Karl Winters vergebliches Werben

18. Juni 2004, 22:47
3 Postings

Versöhnung des austrofaschistischen Regimes mit der Arbeiterschaft scheiterte wegen Misstrauen

Das austrofaschistische Regime war sich nach der blutigen Zerschlagung der Sozialdemokratie bewusst, dass die Versöhnung mit der Arbeiterschaft gesucht werden musste. Der Versuch, die Arbeiter als von ihren Führern, vornehmlich Otto Bauer und Julius Deutsch, irregeleitet hinzustellen, hatte kaum Erfolg. Zu fest waren ein halbes Jahrhundert des Aufstiegs der Arbeiterbewegung im Bewusstsein verwurzelt, zu tief waren die Verletzungen, die das Verbot einer Partei schlug, die so vielen Heimat und Versprechen einer glücklicheren Zukunft bedeutete.

Dennoch glaubte Dollfuß in seinem Frontkameraden Ernst Karl Winter einen Mann gefunden zu haben, dem vielleicht doch das unmöglich Scheinende gelingen konnte, bei den Arbeitern Vertrauen zum guten Willen der Regierung aufzubauen. Für den damals 39-jährigen Soziologen waren das Christliche und das Soziale keine unverbindlichen Bezeichnungen, sondern ihm ging es darum, es in der Gesellschaft umzusetzen, und er hatte Ende der Zwanzigerjahre mit Interesse Kontakte zu den - in der SP freilich nur schwach verankerten - "Religiösen Sozialisten" aufgenommen.

Zweifaches Misstrauen

Zwar stärkte Dollfuß die Position Winters durch die Ernennung zum dritten Vizebürgermeister Wiens, gleichzeitig aber sah sich dieser einem zweifachen Misstrauen gegenüber: einerseits dem der so tief getroffenen Sozialdemokraten, andererseits auch dem der Heimwehr, die auf die Faust im Nacken und nicht auf Versöhnung setzte und für die er ein verdächtiger "linker Konservativer" blieb; hatte er ja in seinen Wiener Politischen Blättern gegen die Auflösung des Parlaments argumentiert.

Mit dieser Zeitschrift sowie dem ihm von Dollfuß anvertrauten Arbeiter-Sonntag begann Winter den publizistischen Werbefeldzug für seine Ideen. In der ersten Nummer schrieb er: Zwar sei, wer zu den Waffen gegriffen habe und mit den Waffen geschlagen wurde, dem Recht des Siegers verfallen, aber: "Ein kluger Sieger hält Haus mit diesem Recht", sollte sich von Gerechtigkeit und Milde leiten lassen. Und Winter wusste angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung auch: "Um Sein oder Nichtsein Österreichs geht es, wenn die Frage der Eingliederung der Arbeiterschaft in den Staat aufgeworfen wird."

Wenig erreicht

In diesem Geist hat Winter viel verlangt und wenig erreicht - wie die Wiederbelebung der Arbeiter-Kulturorganisationen und die Bildung eines Arbeiterbundes. In der Einheitsgewerkschaft hatte man damit wenig Freude, es wurde, wie oft in solchen Fällen, ein Arbeitskreis gebildet, in dem persönliche Rivalitäten die großen Vorhaben schrumpfen ließen. Auch in der zentralistischen Vaterländischen Front zeigte man sich den Ideen Winters, der Gewicht auf regionale Strukturen unmittelbar zu den Menschen hin legte, eher abgeneigt. An der VF kritisierte Winter etwa, dass bei deren Schulungen die Referenten nur ihre Vorträge hielten, eine Aussprache danach aber nicht erwünscht war.

Um seinen Ideen stärkeren Nachdruck zu verleihen, gründete Winter im September 1934 eine neue Zeitschrift, Die Aktion, die sich bald als "Organ der Österreichischen Arbeiteraktion" bezeichnete. Sie setzte sich für eine selbstständige politische Arbeiterorganisation ein, weil die Arbeiter in der VF in der Regel eine Minderheit bildeten und sich nicht durchsetzen konnten. Das alles passte gar nicht in das Konzept seiner Gegner.

Protektor verloren

Mit Dollfuß hatte er seinen Protektor verloren, und bald tauchten Gerüchte über die Auflösung des Arbeitskreises auf. Dazu kam, dass sein monarchistischer Traum von einem Groß-Österreich, bei einem Besuch der Tschechoslowakei unverhohlen geäußert, der Regierung peinlich war. Kanzler Schuschnigg wollte ihn loswerden. Die Aktion wurde wegen einer Glosse erst konfisziert, dann verboten. 1936 wurde Winter als Vizebürgermeister "beurlaubt". Die VF hatte inzwischen eine "Soziale Arbeitsgemeinschaft" gegründet; in deren Namen war der "gefährliche" Begriff Arbeiter getilgt. In seinem Verhältnis zur Arbeiterschaft konnte Schuschnigg bis zuletzt nicht über den austrofaschistischen Schatten springen. (DER STANDARD, Printausgabe 19./20.6.2004)

Von Manfred Scheuch
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Dollfuß-Freund Ernst Karl Winter

Share if you care.