Sandoz: Bombay statt Kundl

1. Juli 2004, 10:58
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Generikahersteller verlegt Großteil der Forschung und Entwicklung nach Bombay - Tiroler Werk "nicht unmittelbar" in Gefahr, investiert wird aber nur noch in Indien - Mit Kommentar

Wien - Ausgezeichnet ausgebildete Forscher, bessere Rahmenbedingungen und deutlich niedrigere Löhne und Investitionskosten - das sind die Gründe, warum der Pharma-Weltkonzern Novartis seine Generikaentwicklung, die unter dem Namen Sandoz zusammengefasst ist, nach Indien verlagert. "Die Forschungs- und Entwicklungskosten bei Generika betragen zwar nur rund acht Prozent des Umsatzes, jedoch ist der Kostenfaktor in dieser Produktgruppe entscheidend", bestätigt der Chef von Novartis Österreich und Leiter der weltweiten Generikaaktivitäten, Christian Seiwald, im Gespräch mit dem Standard.

Neue Verfahrens- und Erzeugungsprozesse

Generika sind den Originalmedikamenten nach Patentablauf "nachgebaute", idente, aber deutlich billigere Pharmaka. Die Forscher und Entwickler bei Sandoz beschäftigen sich deswegen weniger mit völlig neuen Medikamenten, sondern hauptsächlich mit neuen Verfahrens- und Erzeugungsprozessen, die dann allerdings zumeist auch patentiert werden.

Die in Bombay zur Verfügung stehenden Ingenieure und Techniker hätten neben einer soliden Ausbildung in Indien oft auch in Großbritannien oder den USA studiert und damit internationale Erfahrungen gesammelt, die es in Österreich nur selten gebe. "Und die Löhne in Europa liegen um ein Vielfaches über denen dieser Spezialisten." Dazu würde Indien in gewissen Regionen Steuervorteile für bis zu zehn Jahre gewähren.

Abwanderung aus EU

Seiwald ortet den Trend, dass die Spitzenforschung im Pharmabereich aus der EU in die USA abwandert und die kostensensitiveren Aktivitäten wie bei Generika in den Fernen Osten verlegt werden. "In den USA sind die Rahmenbedingungen für die Spitzenforschung nach wie vor ideal", aber Länder wie Indien würden in nachgelagerten Bereichen rasch aufholen.

"Dazu kommen die europäischen Unternehmen auch unter Druck, weil bereits indische Generikaerzeuger weltweit auftreten und natürlich ihre Kostenvorteile ausnützen. So bleibt gar nichts anderes über, als eben auch diese Vorteile zu lukrieren, um konkurrenzfähig zu bleiben."

Damit Europa und Österreich konkurrenzfähig bleiben, müsste vor allem die Produktivität gesteigert werden, meint Seiwald: "Es wird immer Produktionsstätten und Forschungseinrichtungen in Europa geben. Schon allein wegen des Sicherheitsaspektes, aber auch weil es eine ausgezeichnete Expertise gibt. Aber unser Ziel muss sein, unsere Produktivität permanent zu steigern und Kosten zu senken."

Werk Kundl "nicht unmittelbar in Gefahr"

Dies gelte auch für das Tiroler Werk Kundl, das 2400 Mitarbeiter beschäftigt, davon 350 in Forschung und Entwicklung. Das Werk sei nicht unmittelbar in Gefahr, Neuinvestitionen würden aber nur noch in Bombay getätigt. Derzeit kann das Werk in Kalwe bei Bombay eine Milliarde Kapseln und Tabletten pro Jahr herstellen, beschäftigt werden rund 1000 Mitarbeiter. "Wir haben das Werk inklusive aller Genehmigungen innerhalb von 16 Monaten auf die grüne Wiese - oder besser in den Dschungel - gebaut." In Österreich hätte das zumindest doppelt so lange gedauert, meint Seiwald. (Michael Moravec, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.06.2004)

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